Kolumne

Sehnsuchtsorte und Touristen

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Reisende zerstören ihr Ziel im Moment der Ankunft. Diese Weisheit gilt auch für Berlin-Kreuzberg. Die Kolumne.

Vor ein paar Tagen traf ich einen alten Bekannten auf dem Platz vor unserem Haus. Wir waren zusammen in unserem Viertel alt und grauhaarig geworden. Berlin-Kreuzberg hatte sich in den letzten dreißig Jahren vor unseren Augen verwandelt von einer räudigen Innenstadtlage in eine Kulisse für Easy-Jet-Touristen, die gekommen waren, um eine räudige Innenstadtlage zu besichtigen. Der Tourist, sagte mein Bekannter, zerstört den Ort seiner Sehnsucht im Moment seiner Ankunft.

Wie alle anderen Haudegen des Bezirks kamen wir sofort auf die Themen Wohnung, Miete, Häuser und Atmosphäre zu sprechen. Wir versicherten uns, es geschafft zu haben, nicht von der großen Welle aus Geld, Macht und Gier aus dem Viertel gespült zu werden. Rechtzeitig Anteile an einer Genossenschaft gesichert, auf einem alten Mietvertrag sitzend, zur Sicherheit eine kleine Immobilie für die Rente, damals für einen Witz von Eigenkapital („da hatte ich mal Geld, das erste Mal im Leben; auch das einzige Mal“). Leider wird es langsam ungemütlich, weil man in den Selbstbedienungscafés rund um den Marheinekeplatz immer häufiger zur Klasse der Greisen gehört.

Auf der anderen Seite haben wir es verdient. Waren wir es nicht, die dem Viertel in ihrer Jugend jenen Hauch von Rebellion und Underground gaben, den die Touristen jetzt suchen? Warum sollten wir nun die Ernte aus Altbauten und verkehrsberuhigten Zonen jenen überlassen, die sich von München, New York oder Rom kommend einfach einkaufen, statt es sich anständig durch mindestens zwei Jahre im Hinterhof, Erdgeschoss, Außentoilette zu verdienen?

Allerdings muss man auch feststellen, dass zwar immer mehr Sprachen gesprochen werden, die Leute sich aber immer ähnlicher sehen, eine Mischung aus Primark und Designschnäppchen bei Zalando. Es gibt Tage, da vermisse ich die älteren türkischen Herren in ihren schönen Sonntagsanzügen, die deutschen Witwen in ihren langen Wollmänteln, die Arbeiter mit den Ledertaschen. Sie alle waren meine Nachbarn und sie alle sind verschwunden.

Eine Sache, die wir uns aber wirklich erkämpft haben, sagte mein Bekannter, sei die Bürgerbeteiligung. Ich lachte und erzählte, wie wir Nachbarn einen Zuschuss vom Bezirk zur Verschönerung des Platzes vor unserem Haus haben wollten, der sich in eine beliebte Hundetoilette verwandelt hatte. Auf irritierenden Wegen gab es zuerst EU-Geld, dann eine Bürgerbeteiligung, die schließlich zu dem Ergebnis kam, dass der Rasen höhergelegt werden müsse, um ihn hundesicher zu machen. Eine kleine Mauer wurde gebaut und der Innenraum mit Erde gefüllt. Heute befindet sich der Rasen auf Kniehöhe, aber niemand hat daran gedacht, dass auch Hunde springen können. Vielleicht war es auch egal.

Mein Bekannter blickte sich um und sah, was auch ich jeden Tag sehe: Der schöne neue Platz zieht auch alle Junkies der Stadt an, die hier neben Sitzplätzen auch einen Kiosk für das Bier finden, einen Arzt für die Substitution und Hauseingänge für die Notdurft. Nun hocken in der einen Ecke des Platzes die Touristen bei gekühltem Weißwein, in der anderen die neuen Mütter auf dem neuen Spielplatz und zwischendrin knallen sich die Junkies zu. Mein Bekannter lachte und sagte, man solle keinen Stein ins Rollen bringen, den man nicht aufhalten kann. Das ist erstens richtig und zweitens eine gute Nachricht: Wir sind alle Touristen auf dieser Welt.

Volker Heise ist Filmemacher.

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