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Sehnsucht nach Leichtigkeit

  • Michael Herl
    VonMichael Herl
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Wir verdanken den Mittelmeerländern viel. Auch, dass heute jeder Gastronom Tische und Stühle vor die Tür stellt.

Eigentlich war es ja nicht nur bekannt, sondern sogar witzig. Zumindest wurden die Erlebnisse mit einigem zeitlichen Abstand als Anekdoten erzählt, und alle lachten. Es waren immer die gleichen Geschichten. Die Sache mit den drei Speisekarten auf der griechischen Insel. Mit drei verschiedenen Preisen. Einen für Einheimische, einen für Touristen und einen für Athener. Letzterer war der höchste, versteht sich. Oder die griechische Gepflogenheit, spät nachts in der Taverne den Whisky gleich flaschenweise zu bestellen. Oder das Hinterlassen von Fakelaki, einem Bestechungsgeld. Oder die Regel, dass ein Haus als legal galt, sobald ein Stockwerk steht. Das kostete dann zwar ein Bußgeld, doch das war weit niedriger als die Gebühr für eine Baugenehmigung. So sie denn überhaupt erteilt wurde.

Oder die Sitte Athener Taxifahrer, den auf dem Taxameter angezeigten Preis mit der Anzahl der Fahrgäste zu multiplizieren. Eine Quittung? Da stieß der Kutscher nur ein kurzes, schmatzendes Geräusch aus, zuckte leicht mit den Schultern und blickte hilfesuchend gen Himmel. Jedem Spesenreisenden war dies bewusst, und deutsche Finanzämter akzeptierten klaglos jeden auch noch so hohen, selbstgeschriebenen Ersatzbeleg. Denn man wusste, in Griechenland kennt man keine Quittungen. Fiskalisch betrachtet entsprach eine Geschäftsreise nach Griechenland einem Trip in ein bislang unerforschtes Gebiet am Amazonas.

Und doch war das das Griechenland, das wir liebten. Weil alles so einen leicht orientalischen Touch hatte und dennoch europäisch war. „Bei uns ist die einzige Kontinuität die Nichtkontinuität“, sagte mir mal der Archäologe Jannis Sakellerakis. Und: Er fahre nach Griechenland, um Gedanken zu kriegen und dann nach Deutschland, um sie zu ordnen. Griechenland war also exakt das Gegenteil des geregelten Deutschland. Und die deutsche Liebe dorthin, sie war so ähnlich wie jene, die uns in den Fünfzigern nach Italien trieb. Und später nach Spanien oder Portugal. Das vermeintlich leichte, mediterrane, das „Komm ich heut nicht, komm ich morgen“. Wir haben diesen Ländern und unseren Reisen dorthin viel zu verdanken. Allein schon die Tatsache, dass heute in Deutschland fast jeder Gastronom im Sommer Tische und Stühle vor sein Lokal stellt. Vor dreißig Jahren noch wäre dies undenkbar gewesen – und auch gar nicht genehmigt worden.

So kommt es auch, dass kaum ein Zucken durchs Land ging, als Wolfgang Schäuble unlängst vollkommen zu Recht orakelte, dass bald ein drittes Hilfspaket für Griechenland fällig werde. Wohl polterte „Bild“ flugs wieder herum, als ginge es um den Fortbestand des Abendlands, wohl warnte Sigmar Gabriel in altbekannter Wahlkampfmanier sofort vor einem „dicken Ende“, das noch komme, doch es tat sich – nichts.

In stoischer Ruhe akzeptieren die Bürger das, was jeder normal denkende Mensch schon lange weiß. Im vereinten Europa müssen die, die haben, geben und die, die nichts haben, nehmen. Natürlich hat Gabriel recht mit seinem Appell, die Milliarden dürften nicht wieder zu den griechischen Superreichen fließen. Das versteht sich ja wohl von selbst. Richtig ist aber auch: Ein Erlass der Schulden Griechenlands ist nicht nur im Bereich des Möglichen, sondern bald unabdingbar.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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