Kolumne

Die Sehnsucht ist groß

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Manchmal erinnert eine zufällig gefundene alte Postkarte an Vergangenes und wühlt einen auf. Dann bleibt die Frage: Was soll man damit machen?

Nirgends ist die Bedeutung des Wortes „unverhofft“ eindringlicher hervorgetreten als in Johann Peter Hebels berühmter Kalendergeschichte „Unverhofftes Wiedersehen“ aus dem Jahr 1811.

Eine alte Frau begegnet darin dem Antlitz ihres einstigen Geliebten, der mehr als 50 Jahre zuvor bei einem Bergbauunglück verschüttet worden war. Der Berg hatte den Leichnam des Mannes nach so langer Zeit wieder freigegeben, das vitriolhaltige Wasser des Bergwerks hatte den Körper beinahe vollständig konserviert.

Zur Beerdigung kleidete sich die alte Frau ein halbes Jahrhundert später, als sei es ihr Hochzeitstag. Dankbar, so erzählt es Hebel, ihren Geliebten nach so langer Zeit noch einmal wiedersehen zu dürfen.

Unverhofft kehrte unlängst ein Dokument meines Vaters in unsere Familiengeschichte zurück. Eine Postkarte, die meine Kusine beim Aufräumen in einer alten Schuhschachtel gefunden hat.

Mein Vater schreibt darin ihrer Mutter, seiner Schwägerin, aus russischer Kriegsgefangenschaft: „Moskau, den 17. Februar 1947, Liebe Auguste, Danke für Deine Karte. In 25 Worten. Bei guter Gesundheit. Die Sehnsucht ist groß. Schreibt öfter. Schickt Fotos. Wie lautet die Adresse von Fritz? Dein Schwager Paul.“

Fritz war Augustes Mann, der Bruder meines Vaters. Er befand sich zu der Zeit, zwei Jahre nach Kriegsende, ebenfalls noch in Kriegsgefangenschaft. Offensichtlich war in dem russischen Lager, in dem mein Vater Zwangsarbeit verrichtete, die Anzahl der erlaubten Worte limitiert. Naheliegend auch, dass aufgrund der erleichterten Kontrolle nur Postkarten zugelassen waren. Aber immerhin scheint es erlaubt gewesen zu sein, Bilder hinzuzufügen.

Mein Vater gehört zu der Generation der Spätheimkehrer, er kam erst 1949 zurück. Die Karte verweist auf eine in unserer Familie unerzählte Geschichte. Das Schweigen des Vaters resultierte in diesem Fall aus der Ignoranz der Familie.

Meine Mutter winkte ab, wir Kinder waren mit anderem beschäftigt. Als wir alt genug waren, in ferne Länder zu reisen, zum Beispiel nach Griechenland, beschlich meinen Vater ein Unbehagen. Da wolle er nicht mehr hin, er sei als Soldat dort gewesen. Er prahlte nicht mit seinen Kriegserlebnissen, aber er wäre, wenn wir ihn gefragt hätten, wohl bereit gewesen, ausführlich zu berichten.

Die Ostpolitik Willy Brandts und Egon Bahrs betrachtete er mit Skepsis, von einer Annäherung an die Sowjetunion hielt er nichts. Aber er vermied es, die erbärmlichen Lebensverhältnisse seiner Gefangenschaft in einen allgemeinen Russenhass zu überführen. „Die hatten auch nichts“, sagte er öfter.

Bei einem Berlinbesuch setzte er sich bald nach der Ankunft ans Telefonbuch, um die Nummer eines Kriegskameraden ausfindig zu machen. Dieser lebte noch, und wir verabredeten, ihn dort abzusetzen und drei Stunden später wieder abzuholen. Wie dumm wir waren, uns nicht dazuzusetzen.

Als ich meiner Mutter (98) die Karte zeige, erkläre und wiederholt vorlese, durchzieht ein leichtes Lächeln ihr Gesicht, als erinnere sie sich für einen kurzen Moment an ihren geliebten, vor mehr als 20 Jahren verstorbenen Paul. Dann legt sie langsam die Karte fort, als wolle sie sagen: lange her. Einige Momente später blickt sie auf und fragt: „Und was soll ich jetzt damit machen?“

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