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Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (l.) mit dem scheidenden CSU-Chef Horst Seehofer (r.).

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Seehofers Erbe

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Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder könnte bald auch CSU-Chef werden. Dann ist der Machtmensch Söder zwar am Ziel. Doch seine Ämter könnten ihn vor unlösbare Aufgaben stellen. Der Leitartikel.

Politik ist wie eine Droge. Das hat einmal Horst Seehofer gesagt. Seit fast 50 Jahren ist er in der CSU, mehr als 20 Jahre in Regierungsämtern, gut zehn Jahre an der Parteispitze – natürlich fällt es da schwer, von der Droge Politik loszukommen. Dem Neuanfang an der CSU-Spitze will er nicht im Wege stehen – wovon er allerdings erst in einer denkwürdigen Sitzung der Parteiführung überzeugt werden musste.

„Der Wechsel gehört zum Leben“, sagt Seehofer jetzt zwar. Um so irritierender ist allerdings, dass er Bundesinnenminister bleiben will. Da scheint sich jemand an den verbliebenen Rest der Macht zu klammern. Einer, der nicht loslassen kann, der zwar oft mit seinem Abschied aus der ersten Reihe kokettiert, ihn aber nie vollzogen hat. Allzu groß ist die Versuchung, sich für unersetzlich zu halten. Übermächtig scheint die Angst vor den Entzugserscheinungen zu sein, wenn die Droge erst abgesetzt ist.

Seehofer hat hinter verschlossenen Türen gesagt, dass es schwer wird, ohne die Wucht und Macht des Parteivorsitzes Innenminister zu bleiben. Dass es ihm da ähnlich geht wie Angela Merkel mit ihrer Kanzlerschaft, gab er gleich mit zu Protokoll. Dass er dennoch versucht, Innenminister zu bleiben, hat Gründe.

Zunächst persönliche. Der Merkel-Widersacher aus Ingolstadt-Gerolfing mag angesichts der Geschichte, die er mit der Kanzlerin hat, wohl nicht vor ihr abtreten. Alles andere würde er als Niederlage empfinden. Und es mag auch politisch-praktische Erwägungen geben, die Seehofer im Innenministerium halten. Anders als in der CSU wird es für diese Bundesregierung womöglich keinen Neuanfang mehr geben.

Platzt die große Koalition, braucht es auch keine Nachfolge-Regelung für das Innenressort. Einem aufgeblähten Haus, dessen Struktur ohnehin voll auf Seehofer zugeschnitten ist. In der CSU jemanden zu finden, der bereit ist, das Ministerium nur für eine kurze Übergangsphase zu führen, wäre nicht einfach.

Endgültiger Abgang wäre eine Zäsur

Seehofer, der neben Merkel und Wolfgang Schäuble einzige verbliebene aktive Politiker, der noch in der Ära Helmut Kohls am Kabinettstisch gesessen hat, kämpft um einen Abschied in Würde. Einen, bei dem auch gewürdigt wird, was er geleistet hat für seine Partei und für das Land. Doch wirkt er in diesen Tagen getrieben von rein egoistischen Motiven wie jemand, dem es immer noch um recht haben und recht bekommen geht. Ein Gestalter mit klaren Zielvorstellungen würde anders auftreten.

Seehofers endgültiger Abgang wäre eine Zäsur. Und zwar nicht nur für die große Koalition, bei deren Zustandekommen er eine durchaus konstruktive Rolle gespielt hat. Er selbst sieht sich als letzten Politiker Deutschlands, der noch in der Lage war, eine absolute Mehrheit zu erzielen. Die Einschätzung mag richtig sein: Eine Partei mit dem Anspruch der CSU darf diesen Befund aber nicht ohne weiteres hinnehmen.

Wenn Markus Söder nun den Parteivorsitz übernimmt, wofür vieles spricht, wartet eine kaum lösbare Aufgabe auf ihn. Der Alpha-Politiker aus Nürnberg hat gerade sein Kabinett präsentiert. Er müsste nun erst einmal als bayerischer Regierungschef Tritt fassen – was an sich schon Herausforderung genug wäre.

Söders Aufgabe wäre es, einen neuen konstruktiven Konservatismus bayerischer Spielart zu entwickeln, das Profil der Christsozialen zu erweitern und den Krawallmodus des ewigen „Bayern first“ auf bundespolitischer Ebene zu überwinden. Von Seehofer trennen den bayerischen Ministerpräsidenten zwar fast 20 Jahre Lebenszeit. In ihrem bisweilen krachledernen Politikansatz ähneln sie sich aber.

Doch Söder ist durchaus wandlungsfähig, was er oft bewiesen hat, nicht nur beim Fasching mit seinen Kostümen. Aber auf seinen Schultern liegt auch die Last eines für die CSU verheerenden Jahres und einer durch und durch verkorksten Wahlkampagne.

Die viel wichtigere Aufgabe für ihn ist aber die auf der bundespolitischen Bühne: Im Fall eines raschen Bruchs der großen Koalition müsste er die tief verunsicherte CSU schnell wieder auf Wahlkampf-Betriebstemperatur bringen. Geht es weiter, wäre er in völlig veränderter personeller Konstellation am Berliner Koalitionstisch gefragt. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass Seehofers Erbe sich für Söder als Mission impossible erweisen könnte.

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