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Leitartikel

Schwieriges Gedenken

  • VonDaniel Haufler
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Der „Wald der Erinnerung“ ist ein würdiger Ort der Trauer um gefallene Soldaten. Aber was ist mit den vielen Helfern, die auch im Dienst für ihr Land gestorben sind?

Mit der Ehrung von Soldaten tun sich die Deutschen nicht nur am Volkstrauertag schwer. Er läuft geradezu sinnentleert mit dem ewig gleichen Ritual ab: Totengedenken für alle Opfer, Rede, Lied für den guten Kameraden, Kranz ablegen, Feierabend. Wenig öffentliche Beachtung finden auch der neue „Wald der Erinnerung“ für gefallene Bundeswehrsoldaten und das Ehrenmal der Bundeswehr, das vor fünf Jahren am Rand des Verteidigungsministeriums errichtet wurde. Ein Wunder ist das sicher nicht, schließlich leben wir in einem Land, das einen Weltkrieg allein begonnen hat und einen anderen wesentlich mitverschuldete. Mit der Kapitulation im Zweiten Weltkrieg endete – zum Glück – auch eine lange militaristische Tradition deutscher Politik. Erst einmal gab es kein Militär mehr, dann lange Zeit keine Einsätze und daher gar keinen Grund, sich über dessen Verdienste oder Opfer groß Gedanken zu machen.

Das ist längst anders. Seit dem Ende des Kalten Krieges werden deutsche Soldaten wieder im Ausland eingesetzt – anfangs nur im Nato-Gebiet, später weltweit. Schon kurz vor der deutschen Einheit unterstützte die Marine den Kampf der alliierten Streitkräfte im zweiten Golfkrieg mit Minenabwehrkräften im Mittelmeer. Eher eine symbolische Aktion, aber politisch durchaus wegweisend.

1999 fällte die rot-grüne Bundesregierung die schwerwiegende Entscheidung, die deutsche Luftwaffe im Kosovo-Krieg einzusetzen. Aus ihrer durchaus nachvollziehbaren Sicht war das eine humanitäre Intervention. Sie krankte allerdings daran, dass sie gegen das Völkerrecht verstieß. Daran erinnert Russlands Präsident seit seiner Annexion der Krim immer wieder gern. Seit 2001 schließlich kämpfen deutsche Soldaten in Afghanistan gegen die Taliban und Al Kaida.

Allein im Jahr 2002 waren über 10 000 Bundeswehrsoldaten weltweit im Einsatz, derzeit sind es rund 4000. Und nicht alle kommen lebend zurück. 103 Soldaten und eine Soldatin sind seit 1992 im Einsatz gestorben. Je höher die Zahl der Opfer deutscher Militäreinsätze im Lauf der Zeit stieg, desto dringlicher stellten Militärs, aber auch Politiker die Frage, wie dieser Dienst am Vaterland gewürdigt werden könne. Schien in den 90er Jahren eine zentrale Gedenkstätte für Gefallene noch undenkbar, setzte danach eine „Umcodierung der Vergangenheit“ ein, wie es der Historiker Norbert Frei nannte. Denn die jüngeren Generationen begreifen sich nicht mehr als Täter, sondern viel stärker auch als Opfer. Sie können guten Gewissens die alliierte Schuld an der Bombardierung Dresdens erörtern oder ein Zentrum gegen Vertreibung befürworten, das vor allem deutschen Vertriebenen gewidmet ist.

In diesem geschichtspolitischen Kontext ist auch die Idee für das Ehrenmal der Bundeswehr entstanden, das der damalige Verteidigungsminister Franz-Josef Jung ohne jegliche Beteiligung des Bundestags planen und bauen ließ. Hier wird nun seit 2009 der Männer und Frauen gedacht, die seit Gründung der Bundeswehr 1955 im Dienst starben. Die sakral-pathetische Architektur des Ehrenmals orientiert sich allerdings so stark an früheren Kriegerdenkmalen, dass 170 Kunsthistoriker in einem offenen Brief zu Recht die Überhöhung des Soldatentods kritisierten. Eine Überhöhung, die in krassem Gegensatz zum Standort steht, einer abgelegenen Seitenstraße am Tiergarten.

Nicht minder abgelegen ist nun auch der „Wald der Erinnerung“, den Bundespräsident Joachim Gauck und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen auf dem Gelände des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr bei Potsdam eingeweiht haben. Seine Gestaltung ist angelehnt an die Friedwälder, die mittlerweile als Alternative zum Friedhof sehr beliebt sind. Entsprechend sollen hier auch keine Kränze niedergelegt werden. Es ist ein privater, ein stiller Ort des Trauerns und Gedenkens, der vor allem den Angehörigen gewidmet ist.

Der ehemalige Wehrbeauftragte Reinhold Robbe hat die Lage des „Waldes der Erinnerung“ fernab der Hauptstadt als „beschämend“ kritisiert. Offenkundig hat er das Konzept dieses Friedwaldes nicht verstanden. Nein, der Ort ist gut gewählt und würdig. Beschämend ist jedoch, dass der Bundestag sich der Debatte eines angemessenen Gedenkens für all jene verweigert, die auch im Dienst ihres Landes gestorben, aber keine Soldaten sind: Mitarbeiter von Hilfsorganisationen wie dem Roten Kreuz oder Ärzte ohne Grenzen, Experten des Technischen Hilfswerks oder auch die vielen Übersetzer und Ortskräfte, ohne die deutsche Soldaten oft nicht überleben könnten. Beschämend ist auch, dass es ebenso wenig einen öffentlichen Diskurs über ein innovatives, ein demokratisches Gedenken gibt wie eine grundlegende Debatte darüber, wie die größere Verantwortung Deutschlands in der Welt aussehen soll, die Gauck und von der Leyen fordern. Denn eines sollte klar sein: Mehr Verantwortung in der Welt bedeutet, dass mehr Deutsche in Krisengebieten ihr Leben riskieren – ob als Helfer oder Soldaten.

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