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Schwierig, aber lösbar

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Von: Andreas Niesmann

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Deutschland ist Teil des Wirtschaftskrieges. Es könnte kalt werden im kommenden Winter. Auch die Produktionsbänder könnten still stehen, weil das Gas nicht reicht.
Deutschland ist Teil des Wirtschaftskrieges. Es könnte kalt werden im kommenden Winter. Auch die Produktionsbänder könnten still stehen, weil das Gas nicht reicht. © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Der Mangel an Gas als Folge des Ukrainekriegs könnte uns einen harten Winter bescheren. Doch die Aufgabe lässt sich bewältigen. Der Leitartikel.

Das Wörtchen „historisch“ sollte man sparsam verwenden, aber in diesen Tagen steckt Deutschland tatsächlich in einer lange nicht mehr dagewesenen Situation. Der viertgrößten Industrienation der Welt droht das Gas auszugehen – nicht heute, nicht morgen, aber womöglich im kommenden Winter.

Die Bundesregierung hat die „Alarmstufe“ des Notfallplans Gas ausgerufen: Wenn man so will, steht die Ampel jetzt auf dunkelgelb. Ob sie am Ende auf Rot umgeschaltet wird, und wie lange dann vieles zum Stehen kommen wird, weiß derzeit niemand. Klar ist nur, dass es passieren könnte, und dass es am Ende ganz maßgeblich von Putin abhängt.

Die Folgen des Krieges erreichen damit unmittelbar die deutsche Bevölkerung. Läuft es gut, wird es nur sehr teuer. Wenn es schlecht läuft, werden im Winter Fabriken stillgelegt und Beschäftigte in Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit geschickt. Selbst das schlimmste Szenario, dass Menschen frieren müssen, weil die Physik des Gasnetzes bei nachlassendem Druck den Transport in den letzten Winkel der Republik nicht mehr zulässt, kann derzeit niemand ausschließen.

Dass ein bewaffneter Konflikt die Versorgungslage mit Elementargütern in Gefahr bringt, ist eine Erfahrung, die Generationen von Deutschen bislang erspart geblieben ist. Nur die Alten erinnern sich noch an die Folgen des Krieges oder der Berlin-Blockade. Deutschland ist nicht Teil der kriegerischen Auseinandersetzung. Teil des Wirtschaftskrieges aber ist es sehr wohl. Es wäre deshalb naiv, davon auszugehen, dass Putin seine schwersten ökonomischen Waffen nicht abfeuern wird.

Die Bundesregierung hat sich aus guten Gründen dafür entschieden, aus russischer Kohle, russischem Öl und russischem Gas auszusteigen. Der Importstopp für Kohle war noch die leichteste Übung, beim Öl wurde es schon komplizierter, beim Gas ist der Ausstieg ein Herkulesaufgabe, die Zeit braucht. Haben wir wirklich geglaubt, dass Putin Däumchen dreht, während Deutschland Verträge mit Katar und anderen Lieferanten schließt, Flüssiggasterminals kauft und sein Pipeline-Netz erweitert?

Der Despot hat gegenüber dem Westen nichts mehr zu verlieren. Als „auf absehbare Zeit unvorstellbar“ hat Bundeskanzler Scholz jetzt eine Partnerschaft mit Putins Russland bezeichnet. Der Kanzler hat damit ohne Zweifel Recht. Wohin der Versuch einer Zusammenarbeit mit Putin geführt hat, erleben wir ja gerade schmerzlich.

Die Wahrheit ist aber, dass auch der Westen in dieser Lage nicht mehr von Putin zu erwarten hat – außer dem Versuch, größtmöglichen Schaden anzurichten. Wer für vermeintliche Vorteile im geostrategischen Kräftemessen eine Hungersnot in zum Teil verbündeten oder zumindest neutralen Ländern Afrikas und Asiens in Kauf nimmt, schert sich um das ökonomische Wohlergehen des als feindlich betrachteten Westens einen feuchten Kehricht.

Die Lage ist also ernst, hoffnungslos aber ist sie nicht. Immerhin hat die Bundesregierung bereits kurz nach Übernahme der Amtsgeschäfte begonnen, die Fehler sämtlicher Vorgängerregierungen zu korrigieren. Mit seiner ökonomischen Macht hat sich Deutschland in den vergangenen Monaten nahezu alles gesichert, was auf dem Weltmarkt an Flüssiggas (LNG) oder Spezialschiffen zu dessen Entladung verfügbar war.

Geplant ist, dass bereits 2023 das erste LNG von der Nordseeküste ins Netz strömt. Womöglich geht das sogar schneller – wenn die entsprechenden Hinterlandverbindungen eher fertig werden. Am nötigen Druck sollte das nun nicht mehr scheitern. Und immerhin sind gut 60 Prozent der Speicher bereits gefüllt. Das ist nicht genug, aber es ist auch nicht nichts.

Der Winter könnte hart werden, und wir müssen uns im Wortsinn warm anziehen. In die Knie zwingen aber wird Putin uns nicht.

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