Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Kolumne

Schweinesystem

  • Volker Heise
    VonVolker Heise
    schließen

Im brandenburgischen Prignitz leben bald mehr Schweine als Menschen. Probleme bringt das für beide Seiten.

Der Sommer ist vorbei. Die letzten drei Wochen habe ich ihn auf dem Land verbracht, in der Prignitz. Die Prignitz ist ein Landkreis im Nordwesten von Brandenburg. Nirgendwo in Deutschland leben so wenig Menschen auf einem Quadratkilometer wie hier. Die Zahl der Einwohner ist seit 30 Jahren im Sinkflug. 1990 waren es noch knapp 110 000 Menschen, heute sind es nur noch 78 000 und in 15 Jahren werden es noch einmal 15 000 weniger sein. Häuser stehen leer und zum Verkauf, Rentner zockeln mit ihren Gehhilfen die Straße hinunter, die Schulklassen werden kleiner. „Vielleicht sollten wir hier Asylbewerber ansiedeln“, sagte ein Nachbar und fügte resigniert hinzu: „Aber Arbeit finden die hier auch nicht.“

Einmal war die Gemeinde, in der unser Haus steht, auf der dritten Seite einer großen Tageszeitung. Es ging um Pendler, die montags aufbrechen, um in Hamburg oder Stuttgart zu arbeiten, und die am Donnerstag oder Freitag nach Hause kommen. Daheim sind die Frauen, die Kinder und die Eigenheime, die abbezahlt werden müssen. Daheim sind auch riesige Felder voller Mais. Schweine werden damit gefüttert oder Biogasanlagen. Die Landwirtschaft ist ein wichtiger Arbeitgeber, und manche Bauern verdienen mehr mit Energieerzeugung als mit Nahrungsmitteln. Ihre Felder sind unser neues Ruhrgebiet und ähneln im Ergebnis dem Braunkohletagebau, machen optisch aber mehr her.

Das große Sommerthema in unserer Kreiszeitung aber war das Schweinesystem. In der Prignitz gibt es 24 große Zuchtbetriebe mit insgesamt 75 300 Tieren. In Lübzow, ein Dorf an der Stepenitz, sollen drei neue Ställe entstehen für jeweils mehr als 1500 Schweine. Wenn der Plan Wirklichkeit wird, gibt es mehr Schweine als Menschen im Landkreis. Eine Bürgerinitiative will den Bau verhindern, aber nicht aus demografischen Gründen, sondern weil sie Belästigungen befürchtet, vor allem Gerüche und Transporte.

Die Schweinemast ist industriell durchorganisiert. Zuchteber liefern hochwertigen Samen, Zuchtsauen werfen mindestens zweimal im Jahr, die Ferkel werden sieben Wochen lang aufgezogen, bis sie in die eigentliche Mast kommen, wo sie bis zu 850 Gramm am Tag zunehmen. Zugeliefert wird Sojaschrot, Weizen und Mais, abgeholt wird Gülle. Die großen Ställe sind vom Rest der Welt isoliert und nur durch Hygieneschleusen zu betreten. Die hochgezüchteten Tiere sind empfindlich. Einmal Husten kann den ganzen Bestand gefährden. In geschlossenen Systemen findet darum alles unter einem Dach statt, von der Befruchtung bis zur Mast. Die Schweine sehen die Himmel zum ersten Mal, wenn es zum Schlachter geht. Dann wiegen sie mindestens 110 Kilogramm. In modernen Hühnerställen ist man noch einen Schritt weiter. Dort erledigen Maschinen die Arbeit, vom Ausbrüten der Eier bis zur Schlachtung. Ein riesiger industrieller Komplex zur Erzeugung von Fleisch, in dem sich kein Mensch mehr die Hände schmutzig macht.

Nun bin ich zurück in Berlin. Wenn ich vor die Tür gehe, sehe ich in einer Minute mehr Menschen als in drei Wochen Prignitz. Schweine gibt es als Schnitzel. Abends läuft ein Naturfilm im Fernsehen. Wilde Löwen, Zebras in der Savanne, Elefanten am Wasserloch. Die Menschen scheinen eine große Sehnsucht nach der Natur zu haben, die sie abschaffen.
Volker Heise ist Filmemacher.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare