+
Die Bundeswehr ist empfänglicher für rechtes Gedankengut als das Molkereigewerbe oder die Hotellerie.

Bundeswehr-Skandal

Die Schwarmdumpfheit der Bundeswehr

  • schließen

Bei der Bundeswehr liegt einiges im Argen. Aber wo anfangen, um etwas zu verändern? Strukturell sind Soldaten empfänglicher für rechtes Gedankengut. Die Kolumne.

Eigentlich muss man nur mal wieder den Volksmund zu Rate ziehen. Für besonders trockene und knapp gehaltene Weisheiten ist der hessische bekannt. Eine lautet: „So was kommt von so was.“ Gemeint ist: Was stellt ihr euch denn so an, es war doch klar, dass das geschieht. Jou, hinterher ist man immer schlauer. Das entschuldigt aber nicht eine vorherige Blindheit.

Man nehme doch nur einmal dieses momentane Getue um rechtsradikales Gedankengut in der Bundeswehr. Mit Verlaub gefragt: Wo sonst soll man denn ein solches vermuten, wenn nicht dort? Im Molkereigewerbe? Bei Kirmesbeschickern oder in der Hotellerie? Sagte Tucholsky etwa „Tretbootvermieter sind potentielle Mörder“? Oder Obstschnitzer? Oder Küfer?

Nö. Er sprach von Soldaten. Dieses Zitat ist natürlich umstritten. Ich siedle es eine Stufe tiefer an und wandele es ab in „Jeder Soldat ist ein potentieller Nationalist.“ Klar, nicht jeder ist ein Neonazi, doch unumstritten dürfte doch sein, dass er tendenziell näher dran ist als Angehörige oben erwähnter anderer Berufsgruppen. Zumindest ist er bedingt durch Struktur und Traditionsbewusstsein einer Armee empfänglicher für rechtes Gedankengut.

Bevor nun das Gezeter losgeht, schauen wir doch mal näher hin (damit sich das Gezeter auch lohnt). Also: Was spielt sich denn so ab in so einem Verein, also auch in der Bundeswehr – und muss das alles sein?

Mal ganz abgesehen von Ungeheuerlichkeiten, wie dass Kasernen immer noch nach Wehrmachtsschergen benannt sind, bieten doch schon ganz normale Gepflogenheiten Anlass zu starker Skepsis.

Warum zum Beispiel werden Staatsgäste immer noch „mit militärischen Ehren“ empfangen? Mit Spalierstehen und Tschingderassassa? Was soll denn dieser wilhelminische Anachronismus? Und warum muss bei Staatsbegräbnissen geschossen werden? Was hat denn das eine mit dem anderen zu tun? Warum öffentliche Vereidigungen mit Trommelwirbel im Fackelschein? Fragen wir doch mal einen ehemaligen KZ-Insassen, welch fürchterliche Erinnerungen da in ihm hochkommen.

Und warum müssen alle die gleiche Kleidung tragen? Das mag vor hundert Jahren sinnvoll gewesen sein, damit man im Feld nicht versehentlich den eigenen Kameraden erdolchte. Heute nennt man so etwas „Friendly Fire“, und das verhindert auch keine Uniform.

Und warum ein Gleichschritt? Menschen kommen doch auch hurtig voran, wenn jeder geht wie er will. Warum diese tumbe Befehlshörigkeit? Sollte man Entscheidungen, die alle betreffen, nicht auch gemeinsam diskutieren? So lernen wir es doch schon im Kindergarten.

Warum diese straffe Struktur? Haben sich in modernen Unternehmen nicht flache Hierarchien als sinnvoll erwiesen, weil sie den Einzelnen motivieren? Oder ist das bei einer Armee gar nicht gewollt? Wird dort die Individualität eines Menschen systematisch gebrochen? „Bürger in Uniform“ ja, aber mündig darf er nicht sein? Treu und doof dem Vaterland dienen und ansonsten das Maul halten?

Willige Massen sind empfänglich für geistigen Unrat, das wissen wir in Deutschland am allerbesten. Bei der Bundeswehr nennt man Schwarmdumpfheit übrigens „Korpsgeist“. Auch wieder so ein Ausdruck aus dem NS-Museum. Diesen gestrigen Haufen zu ändern, das ist hartes Kommissbrot. Wohlan, Frau von der Leyen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare