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Schüler schwänzen für den Klimaschutz den Unterricht. Diese bunten Plakate stammen von einer Veranstaltung in Stuttgart.

Klimawandel

Schule schwänzen fürs Klima

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Es spricht viel dafür, wenn Schülerinnen und Schüler für den Klimaschutz demonstrieren. Es geht um ihre Zukunft. Die wenigen verpassten Stunden Unterricht fallen nicht ins Gewicht. Der Leitartikel.

Schuleschwänzen gegen den Klimawandel? Tausende Schüler aus ganz Deutschland sind am Freitag unter dem Motto „Fridays for Future“ dem Unterricht ferngeblieben, um in Berlin zu demonstrieren. Sie zogen lärmend durch die Straßen und hielten Schilder mit Parolen wie „Umwelt vor Unterricht“ in die Höhe. Die unmissverständliche Botschaft dieser Schüler an die Politik lautet: „Wir wollen, dass ihr euch stärker gegen den Klimawandel einsetzt.“

So sehr auch viele Lehrerinnen und Lehrer mit den Schwänzern und ihrem Anliegen sympathisieren, so berechtigt ist die Frage: Dürfen die Schüler das? Könnten sie stattdessen nicht einfach in ihrer Freizeit demonstrieren?

Rein formal lässt sich die Frage weniger leicht beantworten, als mancher denkt. Es gibt zwar einen bis heute gültigen Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) aus dem Jahr 1973. „Die Teilnahme an Demonstrationen rechtfertigt nicht das Fernbleiben vom Unterricht oder eine sonstige Beeinträchtigung des Unterrichts“, heißt es darin. Und: „Das Demonstrationsrecht kann in der unterrichtsfreien Zeit ausgeübt werden.“

Die Kultusministerkonferenz selbst verweist aber darauf, dass laut den Gesetzen der Länder Schülerinnen und Schüler in Ausnahmefällen eine kurzfristige Beurlaubung aus wichtigem Grund beantragen könnten. Dabei geht es in der Regel um Familienangelegenheiten – grundsätzlich kann aber auch die Teilnahme an einer Demonstration der Anlass sein. Denn, so die KMK, „Schule hat auch den Auftrag, Schüler zu mündigen Staatsbürgern zu erziehen“. Schulleiter haben also einen gewissen Spielraum. Sie können ihn nutzen, müssen es aber nicht tun.

Bildung kann im Kampf gegen den Klimawandel helfen

Ist aber das, was die schwänzenden Schüler tun, nicht unabhängig von der juristischen Beurteilung fahrlässig? Bildung ist ein wertvolles Gut, das viele Mädchen und Jungen in anderen Ländern der Welt gar nicht zur Verfügung gestellt bekommen. Bildung kann bei vielem helfen – auch im Kampf gegen den Klimawandel.

Dennoch können die protestierenden Schüler gerade durch das Fernbleiben vom Unterricht einen wichtigen Punkt unterstreichen. „Warum sollte ich für eine Zukunft lernen, die es bald vielleicht gar nicht mehr gibt – wenn niemand etwas tut, um uns diese Zukunft zu retten?“ Das sind die Worte der 16-jährigen Schwedin Greta Thunberg, die den Regierenden bei der Klimakonferenz der Vereinten Nationen (UN) in Kattowitz mit einer aufrüttelnden Rede die Leviten gelesen hat. Kurz gesagt: Die Politik ist nicht nachhaltig. Sie verzettelt sich im Heute und vernachlässigt den realistischen Blick auf das Morgen.

Thunberg ist nicht nur die Ideengeberin für den Schulstreik. Sie ist in dieser Woche auch öffentlichkeitswirksam zum Wirtschaftsforum in Davos gereist – nur mit einem Rucksack, einem kleinen roten Koffer und einem Klima-Protestschild. Die Reise erfolgte natürlich klimafreundlich mit dem Zug: Fahrzeit von Schweden aus hin und zurück etwa 65 Stunden. Die 16-Jährige hat viele in ihrer Generation inspiriert, an vielen Orten der Welt machen Jugendliche bei Aktionen wie „Fridays for Future“ mit.

Tabubruch lenkt Aufmerksamkeit auf das Anliegen

Auch die demonstrierenden Schülerinnen und Schüler in Deutschland fragen, ganz im Sinn der jungen Schwedin: Wenn die Erwachsenen ihrer Pflicht nicht nachkommen, den Planeten für die nächsten Generationen zu schützen, warum sollten die Kinder sich dann an ihre Schulpflicht halten? Sie rufen aus: Die Politik reagiert zu langsam, die Welt braucht mehr Ehrgeiz. Sie können sich dabei auf die Erkenntnisse zahlreicher Klimaforscher beziehen, die dringenden Handlungsbedarf sehen.

Die streikenden Jugendlichen haben zudem eines gut erkannt: Der Tabubruch, also eben das Schwänzen des Unterrichts, lenkt höhere Aufmerksamkeit auf ihr Klimaschutzanliegen. Sie würden sich selbst schaden, wenn sie dauerhaft nicht mehr zur Schule gingen. Aber für die gute Sache einen Tag wegzubleiben – das ist klug und richtig.

Sollten Schulleiter also ein Auge zudrücken? Das ist gar nicht notwendig. Wann immer wegen der Demonstration ein Tag wegen unentschuldigten Fehlens im Zeugnis dokumentiert wird, sollten die Schüler den Vermerk mit Stolz tragen. Zivilcourage ist wichtig, aber leider nur selten kostenlos – auch das ist eine wichtige Lektion fürs Leben.

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