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Martin Schulz - der neue Heilsbringer der SPD?

Bundestagswahl

Schulz und die Probleme der SPD

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Der bisherige Europapolitiker Schulz versetzt die Genossen mit seiner Kanzlerkandidatur in Hochstimmung. Das alleine reicht nicht, um bei der Bundestagswahl erfolgreich zu sein. Der Leitartikel.

Wenn ein Fußballverein in der Bundesliga fortwährend verliert, muss der Trainer gehen. Sigmar Gabriel war in der SPD Trainer, Vereinspräsident und Stürmerstar zugleich. Wegen bedrohlich schlechter Wahlaussichten hat er Martin Schulz Kanzlerkandidatur und Parteivorsitz angetragen.

Und, siehe da: So wie ein neuer Motivator im Abstiegskampf manchmal das Team wieder aufrichten kann, hat Schulz für neue Hoffnung in der SPD und auch für bessere Umfragewerte gesorgt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass wieder einer im Brustton der Überzeugung sagt: „Ich spiele auf Sieg.“ In der Depression unter Gabriel hätte die Partei im schlimmsten Fall unter 20 Prozent rutschen können. Mit Schulz können und wollen die Sozialdemokraten wieder kämpfen.

Allein durch einen neuen Trainer verschwinden nicht alle Schwierigkeiten. Der Verein SPD soll Menschen zusammenbringen, die sich oft nicht mehr zusammengehörig fühlen. Die Partei braucht Stimmen aus der Gruppe der Aufsteiger, die von der durch die Sozialdemokraten angetriebenen Bildungsexpansion profitiert haben, genauso wie eine starke Unterstützung aus der klassischen sozialdemokratischen Arbeiterklientel. Laut ihrem eigenen Anspruch muss die SPD zudem auch ein faires Angebot an die Abgehängten in der Gesellschaft machen.

Der SPD fällt es heute schwer, solche Brücken zu schlagen. Das war nicht immer so. Franz Walter beschreibt in „Die SPD – Biografie einer Partei“, wie die sich durch den Kapitalismus in ihrer Existenz bedroht fühlenden Handwerksgesellen zu Pionieren der Arbeiterbewegung wurden. Und wie davon dann die Fabrikarbeiter profitierten. Rund 100 Jahre später hat Willy Brandt ein Bündnis von mittleren und unteren Schichten geschmiedet und wurde der erste sozialdemokratischen Kanzler der Bundesrepublik. Auch Gerhard Schröder gelang ein solches Bündnis im Jahr 1998 – nicht zuletzt im Wechselspiel mit Oskar Lafontaine.

Braucht es also nur die richtige Person? „Der Martin“, sagen viele in der SPD, „der spricht eine Sprache, die die Menschen verstehen.“ Der Mann, der es vom Buchhändler in der Kleinstadt zum Präsidenten des Europäischen Parlaments gebracht hat, stehe mit seiner Biografie wie kaum ein anderer für das sozialdemokratische Aufstiegsversprechen. Das stimmt – und er hat bei seiner Vorstellung als Kandidat bewiesen, wie überzeugend er über seine Biografie sprechen kann. Angesichts der strukturellen Probleme seiner Partei ist es aber gewagt, dass Schulz den Anspruch formuliert, bei der Wahl 2017 die SPD zur stärksten Partei zu machen.

Einen Teil ihrer potenziellen Wähler hat die SPD längst an Grüne und Linke verloren. Wenn es mit diesen Parteien nach der Bundestagswahl zu einer Mehrheit reichen sollte – wonach es derzeit noch nicht aussieht –, wäre der Druck, sie diesmal trotz aller Probleme mit und um Sahra Wagenknecht zu nutzen, riesengroß. Die Wähler, welche zur Alternative für Deutschland abwandern, sind dagegen erst mal verloren. Das sozialdemokratische Aufstiegsversprechen klingt bis hinein in die Mittelschicht für einen Teil der Menschen nicht mehr wie eine Verheißung, sondern eher wie Hohn. Sie haben Angst davor, wie Globalisierung und Digitalisierung ihre Jobs vernichten. Wer ihnen nicht – wie Donald Trump – weismachen will, das ließe sich durch Abschottung lösen, kann nur das mühsame Management dieses Prozesses anbieten. Ist das ein Gewinnerthema?

Hinzu kommt: Die Pluralisierung und Individualisierung ist in den vergangenen 20 Jahren noch mal verstärkt vorangeschritten. Die SPD leidet unter dem Zerfasern der Milieus stärker als die Union, die schon lange ein Kanzlerwahlverein ist. „Single-Partys gab’s noch keine. Die SPD hatte noch Ortsvereine. Die Ehe hielt bis zur Beerdigung – und nicht bis zur Selbstverwirklichung“, singt der Comedian Rainald Grebe über die Zeiten, als – im Guten wie im Schlechten – noch andere Verhältnisse herrschten. Heute fehlt es vor allem an Orten, wo unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen zusammenkommen. Selbst im Fußballverein finden immer seltener Menschen aus den verschiedenen Schichten zusammen. Im Internet befinden sich viele in ihrer Filterblase, in der sie sich mit jenen austauschen, die genauso sind wie sie selbst.

Unter diesen Bedingungen noch eine integrative Volkspartei sein zu wollen, ist ein Dienst an der Gesellschaft. Aber es ist auch wie die Arbeit des Sisyphos, der einen Stein den Hang hinaufwälzt – bis dieser dann immer wieder in die Tiefe rollt. Albert Camus schrieb, dieser fortwährende Kampf vermöge ein Menschenherz auszufüllen. „Wir müssen uns Sisyhos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“

Martin Schulz schäumt derzeit vor Glück und Energie geradezu über. Für die SPD wäre es wichtig, dass dies auch bei den zu erwartenden ersten Rückschlägen in den kommenden Monaten so bleibt. Der Schiedsrichter hat angepfiffen, das Spiel kann beginnen.

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