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Schulen nicht allein lassen

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Von: Tobias Peter

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Flüchtlingskinder.
Flüchtlingskinder. © dpa

Mehr Lehrer, viele Ideen und zusätzliches Geld sind nötig, um Flüchtlingskinder wie Amir und Jamal zu integrieren. Davon werden dann auch Sarah und Ben profitieren. Der FR-Leitartikel.

Es ist faszinierend, wie schnell die Flüchtlingskrise so vieles verändert. Auf dem so erbittert wie ideologisch umkämpftem Feld der Bildungspolitik herrscht über Parteigrenzen hinweg auf einmal große Einigkeit. Flüchtlinge können in deutschen Schulen und in der Gesellschaft nur integriert werden, wenn dies rasch und entschieden angepackt wird. Das ist die Botschaft, die vom jüngsten Treffen der Kultusministerkonferenz ausgegangen ist. Ganz egal, ob es um verantwortliche Politiker oder Fachleute geht: Niemand, wirklich niemand will an einer neuen gesellschaftlichen Lüge schuld sein wie: „Da müssen wir uns nicht so sehr kümmern, die gehen bald schon wieder.“

Das ist gut so. Die Schulen im Land sind entscheidend für die Integration. Hier sollen Amira und Jamal gemeinsam mit Jonas, Sarah und Ben lernen und spielen, hier soll der Grundstein für ein gutes Zusammenleben der künftigen Erwachsenengeneration in Deutschland gelegt werden. Die Flüchtlingskinder sollen die Bildung erhalten, mit der sie zu einem Teil der Lösung unseres demografischen Problems werden können. Die Schule ist zudem ein guter Ort, um über Werte zu sprechen, die uns wichtig sind – von der Gleichberechtigung der Frau bis hin zur Akzeptanz von Homosexuellen.

Es ist eine gigantische Herausforderung, die das Bildungssystem jetzt meistern muss. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) rechnet in den nächsten zwölf Monaten mit 300 000 zusätzlichen Schülern, die allein oder gemeinsam mit ihren Eltern nach Deutschland geflüchtet sind. Sie haben schlimme Monate hinter sich, ein Teil von ihnen ist traumatisiert – und zu alldem müssen sie die deutsche Sprache noch erlernen.

Ist das schaffbar?

Wird das deutsche Bildungssystem das schaffen? Offiziell beantworten Bildungspolitiker, ob von der CDU oder auch von den Grünen, diese Frage mantraartig mit ja. Im inoffiziellen Teil des Gesprächs sagen sie, vieles, was in den kommenden Monaten geschehen werde, sei noch nicht absehbar. Ja, sie seien optimistisch, „aber optimistisch qua Amt“.

Was geschieht jetzt? Im Bildungsföderalismus wird jedes Bundesland – bei aller neuen Einigkeit im Grundsatz – die Aufgabe ein wenig anders angehen. Und das ist gar nicht mal schlecht. Man muss sich nur mal klar machen, dass es auch innerhalb eines Bundeslandes sinnvollerweise Unterschiede geben wird – schlicht, weil manche Herausforderung in der Großstadt anders ist als in einer ländlichen Region. Hinzu kommt: Selbst noch so kluge Bildungsforscher haben keine Antwort auf die Frage, wann genau der Übergang von einer speziellen Klasse nur für Flüchtlinge in eine normale Klasse erfolgen sollte. Es ist vernünftig, das eine oder andere auszuprobieren, sich über die Erfahrungen auszutauschen und sich dann für die besten Lösungen zu entscheiden.

Im kommenden Jahr werden wir im deutschen Bildungssystem ungewohnte Improvisation erleben. Es kann ja etwa niemand mit einem Fingerschnippen dafür sorgen, dass morgen Tausende junge Menschen zusätzlich ein Lehramtsstudium abgeschlossen haben, nach Möglichkeit noch mit einer Qualifikation für Deutsch als Zweitsprache. Kommen Kollegen aus dem Ruhestand zurück? Wie viele? Welche Ideen gibt es noch?

Neu nachdenken

Unerwartete Anforderungen an Systeme sind nicht nur schlecht, sie helfen über manches neu nachzudenken. Wenn das gemeinsame Lernen mit den Flüchtlingen gut gelingt, profitieren auch die übrigen Kinder – weil ihre Welt, ihr Horizont weiter und facettenreicher wird. All das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, wie viele Schwierigkeiten vor den Schulen liegen. Eltern legen mit großem Recht Wert darauf, dass ihre Kinder nicht chaotischen Zuständen ausgesetzt werden. Sollten die Schulen mit den Herausforderungen allein gelassen werden, würde dies die gesellschaftliche Zustimmung zum offenen und großzügigen Umgang mit Flüchtlingen nachhaltig gefährden.

Ist Geld der Schlüssel zur Lösung des Problems? Ja, zumindest insoweit, wie man mit einem Schlüssel eine Tür öffnen kann – ohne dass man damit hinter dieser Tür automatisch ein perfekt eingerichtetes Haus vorfinden würde. Die Bundesländer können die Kosten nicht allein schultern. Das Kooperationsverbot, das eine Beteiligung des Bundes verbietet, muss abgeschafft oder ausgesetzt werden. Oder es wird eben nach neuen Wegen gesucht, es zu umgehen.

Im Jahr 2008 hat Kanzlerin Angela Merkel den Ausbau des Bildungssystems als die zentrale Aufgabe der kommenden Jahre bezeichnet. „Wir müssen die Bildungsrepublik Deutschland werden“, forderte sie damals. Wenn die Integration der Flüchtlinge nicht scheitern soll, dann gilt das heute mehr als jemals zuvor. Allein der Bedarf in den Schulen zeigt unmissverständlich: Es ist ein Fehler, dass Merkel Steuererhöhungen wegen der Flüchtlingskrise ausgeschlossen hat. Denn Geld ist nicht alles, aber es hilft, die Schulen besser zu machen – übrigens für alle Schüler.

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