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Stärkt die Gleichförmigkeit der Kleidung das Gemeinschaftsgefühl?

Pro Schuluniformen

Die Schule ist kein Laufsteg

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Einheitliche Kleidung in der Schule könnte helfen, Lästereien einzudämmen und den Schulhof zu befrieden. Ein Plädoyer für die Schuluniform.

Es kommt drauf an, wie man die Sache nennt. „Schuluniform?! Was soll ich mit ner Uniform??“, schreit die Tochter auf, beim Frühstück nach ihrer Meinung zum Thema gefragt. „Aber wie war das dann neulich mit dem Skipulli, den ihr alle bekommen habt, kurz vor der Skifreizeit?“ Da nämlich, erinnert sich die Mutter, kannte die Begeisterung keine Grenzen. Die Tochter war, wie praktisch alle anderen 100 Achtklässler, Feuer und Flamme gewesen für das Hoodie-Projekt, sie hatten diskutiert, wie das Logo aussehen sollte, und konnten am Schluss zwischen ein paar wenigen Farben wählen. 20 Euro für das Teil? Geschenkt! Die Skifreizeit ist zwar längst vorbei, aber es kommt immer noch vor, dass die Clique sich per Whatsapp abspricht: Leute, heute ziehen wir den Hoodie an. Wir gehören zusammen, wir sind ein Team: Das ist die kuschelige Botschaft, die man am Körper spürt.

Sprechen wir also mal nicht von Uniform. Das Wort führt in die Irre. Es geht hier nicht um Nordkorea, nicht um militaristische Gleichmacherei und Unterdrückung der Individualität von Kindern und Jugendlichen. Es geht um einheitliche Schulkleidung, die sich in vielen freiheitlichen Staaten – England, Kanada, Japan, USA – seit langem bewährt hat. Was würde uns eigentlich verloren gehen, entschlössen sich auch hierzulande mehr Schulen dazu?
Erst mal, aus persönlicher Erfahrung: Fehlen (und kein bisschen vermisst) würde bei uns zu Hause der allmorgendliche Stress der Tochter bei der Frage: Was ziehe ich heute an? Überhaupt: Fiele die Schule als täglicher Laufsteg weg, dürfte bei Jugendlichen generell einige Zeit und Aufmerksamkeit für anderes frei werden. Lange Youtube- und Instagram-Sitzungen, um die gerade angesagten Trends aufzusaugen, wären weniger zwingend. Und die Influencer mit Gurustatus im Social Web, die viel Geld machen, indem sie neue Marken als „Must have“ („Ohne kannst du nicht leben!“) definieren, verlören wenigstens einen Teil ihrer Macht. Kreativ entfalten könnten sich die Teenies trotzdem noch – bei der Wahl der Frisur, des Schmucks, der Freizeitklamotten.

Auf den Schulhöfen aber würde mit Einheitskluft die alltägliche Lästerei seltener. „Wie sieht die/der denn wieder aus?“ Das trifft oft jene, die sich regelmäßiges Shoppen und Zur-Schau-Stellen cooler Labels nicht leisten können, und wächst sich mitunter bis zum Mobbing aus. Dass gleiche Kleidung dagegen hilft, haben Studien aus den USA klar belegt: In Schulen, die sie einführten, nahmen Mobbing und auch sexuelle Übergriffe dramatisch ab.

Das Gemeinschaftsgefühl wuchs ebenso wie der gegenseitige Respekt – in dem Maße, in dem die Kleidung als (oberflächliches) Bewertungsraster wegfiel. Ähnliches hat auch die Gießener Justus-Liebig-Universität herausgefunden. Integrativ wirkt einheitliche Kleidung ohnehin: Kinder von Migranten und Flüchtlingen, deren Eltern andere kulturelle Traditionen mitbringen, können sich von Anfang an zugehörig fühlen. Und die Kosten für die Ausstattung müssen auch kein Problem sein. Für Familien mit wenig Geld müssen genauso Zuschüsse bereitstehen, wie es jetzt schon bei Schulausflügen und Klassenfahrten der Fall ist.

Die Frage sollte also nicht heißen: Schulkleidung – ja oder nein? Die Frage muss heißen: Warum haben wir sie nicht schon längst? Unser Skihoodie hat es gezeigt: Richtig angesprochen und einbezogen, sind die wichtigsten Beteiligten – die Schüler – jedenfalls begeistert dabei.

 

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