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Schritte in die Diktatur

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Ece Temelkuran zeigt, wie Volkstribune sich Demokratien aneignen.

Die türkische Journalistin und Romanautorin Ece Temelkuran, erfolgreich in den USA und in Deutschland – „Was nützt mir die Revolution, wenn ich nicht tanzen kann“ –, lebt heute in Zagreb im Exil. Ihr neues Buch hat im Deutschen den Untertitel „Sieben Schritte in die Diktatur“. Darum geht es.

Ece Temelkuran sagt uns: Ich erzähle euch, wie Erdogan sich und den Seinen die Türkei angeeignet hat, nicht damit ihr etwas über die Türkei lernt, sondern damit ihr rechtzeitig begreift, was mit euch geschieht.

Der sogenannte Populismus ist international. Er läuft überall nach denselben Gesetzen ab. Die Demokratie wird bekämpft als ein Spiel der Eliten. Gegen die mobilisiert ein Volkstribun das Volk. Er schafft ein Wir und bekämpft alles, was nicht in sein Wir passt. Erdogan ist so gesehen kein Relikt aus einer vordemokratischen Zeit. Er ist einer der Diktatoren der postdemokratischen Epoche, ein Vorgänger von Trump. Wenn die Europäer auf ihn schauen, sehen sie, wenn sie sich nicht besinnen, ihre Zukunft.

Der größte Irrtum ist die Vorstellung: Bei uns ist das unmöglich. Vor diesem Irrtum will Ece Temelkuran bewahren. Ihr Buch ist ein Schuss vor den Bug unserer Selbstsicherheit. Ihr Buch schildert die sieben Schritte, die aus einer populistischen Witzfigur einen Angst einflößenden Autokraten macht. Es sind weniger seine Schritte als vielmehr unsere. Noch mehr sind es die Schritte, die wir nicht machen. Weil wir zum Beispiel noch lachen über die Ignoranz des Populistenführers.

Er gibt den Leuten, was sie wollen, und dafür wählen sie ihn. Und was wollen sie? Ein Hassobjekt! Sie sind ihm so dankbar, dass er ihnen etwas zum Fraße vorwirft. Sie schauen nicht hin, was es ist. Ece Temelkuran fragt: „Wieso forderten sie den Respekt der Bildungselite, nicht aber den der Besitzer multinationaler Konzerne?“ Es gibt einen traurigen Grundton in diesem Buch. Der lautet: „Wieder einmal stecken wir in einer historischen Phase, in der die Massen ihre traurigen Leidenschaften hinausbrüllen und für ihre Knechtschaft kämpfen, als wäre sie ihre Erlösung.“

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