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Kommt der Brexit - oder kommt er doch nicht?

Brexit

Ein schönes Chaos

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In Großbritannien sieht es manchmal verdächtig nach „Keine Macht für niemand“ aus. Aber mal nebenbei: Es ist auch Demokratie. Die Kolumne. 

Es ist der 29. März 2019. Ein historisches Datum, so war es angesagt: Brexit-Tag. Es kam anders, wie wir wissen. Ohne dass wir wüssten, was wann statt dessen folgt. Nur dass, was auch immer folgt, Auswirkungen haben wird. Für alle.

Nun gibt es schon länger Experten, die meinen, dass solch komplexe politische Entwicklungen am besten mit den Methoden von Chaostheorien erforschbar sind anstatt altmodisch, sozusagen linear, nur durch die Suche nach Ursache und Wirkung. Nur aus der Sicht der Akteure sieht das anders aus. Die legen sich – ziemlich logisch – ihr eigenes Vorgehen zurecht, versuchen Widerstände und Gegentrends früh zu erkennen, gehen vor wie beim Schachspiel: strategisch. Ihr Problem ist nur: Andere machen es genauso. Bis am Ende, wie diesmal, alle allen das Spiel zerstört haben.

Wahrscheinlich ist das britische Parlament in diesem Sinne derzeit weltweit eine Art Avantgarde. Nie war die Realität der Parole „Keine Macht für niemand“ so nahe. Aber alle Beteiligten beugen sich beflissen über ihr kleines Spiel, die eigene Machtlosigkeit ignorierend. Wäre Westminster eine Versuchsanordnung, man könnte von einem geschlossenen System sprechen: Sie wissen oft nicht, was sie tun. Sie glauben aber, es zu wissen.

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Wer denkt heute noch an einen gewissen David Cameron, wer hält ihn noch für wichtig? Ein erfolgloser, am Ende wohl doch historischer britischer Premier, der sich (scheinbar logisch, in Wirklichkeit spekulativ beraten) in die Idee verrannte, das nervige Brexit-Thema durch einen Volksentscheid pro EU zu beenden. Das ist schief gegangen. Es hätte Dutzende weitere Möglichkeiten gegeben, sich zu profilieren. Vielleicht wäre Cameron noch im Amt, wenn er zwischen diesen Möglichkeiten gewürfelt hätte.

Das Faszinierende an Chaostheorien ist, dass sie den Faktor Zufall einbeziehen in die Analyse von Ursache und Wirkung. In der Politik ist vieles Zufall, weit mehr, als es Profi-Beobachter und Medienleute wahrhaben wollen. Schon weil Menschen mit eigenen Interessen und Vorlieben, mit Fehlern und privaten Einflüssen am Werk sind. It’s democracy, stupid. Nur in Diktaturen ist Machtspiel so logisch wie Schach. Vielleicht würden die Leute ihre Demokratie sogar interessanter finden, wenn nicht immer versucht würde, Sprunghaftes und Unklares ausschließlich logisch zu messen – und die böse Realität dann eilfertig abzuurteilen, als Ort des Versagens und des Scheiterns.

In London haben sie wieder eine Woche lang gestritten und verhandelt, als gebe es nur sie selbst. Man mag das britisch-weltfremd finden, sehr ernsthaft ist es immerhin in all der Abgedrehtheit. Very british die lokalen Spielregeln über alles stellend – eine sehr gestrige Welt im Vergleich zu vielem anderen heutzutage, zu Trump zumal. Aber doch eine Welt, in der sie alle, direkt gewählt nach Mehrheitswahlrecht, sich selbst noch famos wichtig nehmen. Vielleicht ist da ein Unterschied, der zum Fluch werden kann.

Hinterher, nach dem Drama, wird wieder klug analysiert werden, warum alles so ausgehen musste, wie es ausging. Das wird teilweise stimmen, so wie nach jedem läppischen Fußballspiel die Analysen teilweise stimmen. Dennoch: Wie langweilig, wie armselig ist manchmal diese Schlauheit hinterher. Die Wettindustrie, noch so eine alt-britische Leidenschaft, lebt davon, dass das wahre Leben anders tickt. Unberechenbarer, anstrengender, schöner.

Neugierde, eine der wichtigsten Tugenden überhaupt, basiert auf Noch-Nicht-Verstehen. Das peinliche, tragische, verdammte Londoner Theater: Es ist zum Verzweifeln. Aber es ist real, tatsächlich, wirklich – spannend.

Richard Meng ist freier Autor und Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung.

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