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Kolumne

Schöner heulen

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Vorm Fernseher lässt es sich hervorragend weinen. Vor allem allein. Und wahrscheinlich hat das Ganze sogar seinen Sinn.

Ich gestehe, ich weine oft. Wobei ich mich gleich für die Form des Geständnisses entschuldigen möchte. Die Aussage verheißt eine Sensation, die keine ist.

Ich heule oft vorm Fernseher. Das war schon so, als ich noch klein war. Bei „Sissi“, aber auch bei „Cartouche, der Bandit“, wenn Jean-Paul Belmondo sich von der getöteten Claudia Cardinale verabschiedet.

Vorher mag es für uns Kinder hoch spannend zugegangen sein. Abenteuer, Mantel & Degen, Räuberromantik. Dann aber läuft alles auf das pathetische Ende zu. Belmondo, der Räuber, behängt die Cardinale mit all dem erbeuteten Schmuck, trägt die Geliebte in eine königliche Kutsche und bestattet sie in einem See.

Liebesszenen fanden wir Kinder doof. Dies hier aber war etwas anderes. „Cartouche, der Bandit“ wurde zur Einführung des Farbfernsehens gezeigt und in der nachfolgenden Zeit mehrfach wiederholt. Und jedes Mal flossen die Tränen erneut.

Dabei machen mir brutale Filmszenen nichts aus. „Das Schweigen der Lämmer“? Kein Problem. Als geübter Zuschauer weiß man von den ersten Minuten an, dass Hannibal Lecter Jodie Foster nichts tun wird.

Das muss man erst einmal hinbekommen. Hanibal Lecter verkörpert das intelligente, aber deswegen nicht weniger Böse. Doch eine ermittelnde Agentin kann nicht zum Opfer werden.

Als Zuschauer ist man oft viel weniger geschützt als Jodie Foster im Film. Mir kommen bei viel harmloseren Sachen die Tränen, etwa als Meryl Streep zur Verleihung der Golden Globes eine Anti-Trump-Rede hielt. Eine bewegende Rede. Fanden alle. Aber muss man deswegen gleich losheulen?

Es geht beim Heulen vorm Fernseher nicht um Vernunft. Je trivialer, desto feuchter. In dem Augenblick, in dem es passiert, weiß man, dass es sich um ein falsches Gefühl handelt. Aber die Einsicht hilft nicht. Dann fließt es umso mehr.

Das Eingeständnis, dass das Heulen einem peinlich ist, hilft allerdings auch nicht. Tränen sind nicht steuerbar. Selbst Schauspieler können das nicht auf Bestellung.

Ich muss beim Heulen vorm Fernseher an meinen Vater denken. Dem passierte das auch. Es war ihm nicht recht, dabei ertappt zu werden. Und auch ich heule nur gern, wenn ich allein vorm Fernseher sitze. Dann jedenfalls gibt es keinen Grund, den emotionalen Überfluss unter Kontrolle zu bringen. Und irgendwann ist es dann auch gut.

Es wird aber nicht nur vorm Fernseher geweint. Immer häufiger scheint es geradezu ein konstitutiver Bestandteil des Programms zu sein.

Die Tränen von Lena Meyer-Landrut bei „Sing meinen Song. Das Tauschkonzert“ wurden sogar zu einem viralen Hit in den sozialen Medien. Sie hat geweint, weil andere ihre Lieder gesungen haben. Und sie war über die Präsentation eines eigenen Liedes gerührt, das sie über die Abwesenheit ihres Vaters gesungen hat. Der hatte die Familie verlassen, als sie zwei Jahre alt war. Die anderen Musiker der Sendung herzten sie, weil sie so offen und ehrlich mit sich war. Dabei hat sie nicht wirklich etwas preisgegeben. Gefühl, Intimität, Tränen. Das gehört zur Show.

Ich habe mich oft gefragt, warum mein schon vor vielen Jahren verstorbener Vater so nah am Wasser gebaut war. Heute ahne ich, dass es ein sprachloser Ausdruck der Trauer über die eigene Vergänglichkeit war.

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