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Jochen Hörisch ist Germanistik-Professor in Mannheim.

Kolumne

Das Schöne, Wahre, Gute

Der Künstler ist nicht schon deshalb moralisch integer, weil er Kunst macht. Oskar Pastior ist nur das jüngste Beispiel.

Von Jochen Hörisch

Kalokagathia – das ist ein erlesenes Fremdwort aus dem Altgriechischen. Es verleiht dennoch einer polulären, ja populistischen Idee Ausdruck: dass das Schöne (kalos) und das Gute (agathos) zusammengehören, ja ein und dasselbe sind, am besten noch mit dem Dritten im Bunde, dem Wahren.

Diese Idee ist so unwiderstehlich wie unhaltbar. Das zeigt unter vielen anderen Umständen mehr die lebhafte Diskussion um die politische Verstrickung des Avantgarde-Lyrikers und Büchnerpreisträgers Oskar Pastior, der vor seiner Emigration mit der Securitate, dem berüchtigten rumänischen Geheimdienst, kollaborierte – und zu einer Ikone der literarischen Avantgarde wurde, weil er wunderbare Gedichte schrieb. Die mag, wer will, jetzt mit anderen Gefühlen lesen als zuvor, es bleiben doch dieselben Verse. Singulär ist dieser Fall nicht.

Ausgeprägte Schwächen in der Sphäre guten Handelns vertragen sich verdächtig gut mit Brillanz in der Sphäre des Schönen. Man kann wie Rilke ein Schnorrer sein (Fürstin, haben Sie für den Winter vielleicht einen Schlossflügel frei?) und erhabene Lyrik verfassen; man kann wie Ernst Jünger in zwei Weltkriegen ein paar Dutzend Leute getötet und bemerkenswerte Texte wie die „Gläsernen Bienen“ publiziert haben; man kann wie Brecht gegen Ausbeutung anschreiben und Frauen ausbeuten; man kann wie Richard Wagner grauenhafte antisemitische Pamphlete und zugleich unerhörte Töne erschallen lassen, die höher sind denn alle Vernunft etc. pp.. Oscar Wilde, der bekanntlich keine moralischen Überlegenheits-Ansprüche vertrat, hat diese Einsicht in einem bündigen Bonmot kondensiert: Nichts spricht dagegen, dass der geniale Pianist auch ein genialer Wechselfälscher sein kann.

Die Einsicht, dass das Wahre, Schöne und Gute eben gerade nicht unterschiedliche Aspekte desselben sind, ist banal und tut doch weh. Denn es wäre allzu schön, wenn es verlässliche Korrelationen zwischen dem Schönen, Wahren und Guten gäbe. Aber diese Idee ist offenbar zu schön, um wahr zu sein. Alle wissen, dass die Wahrheit hässlich und das Schöne des Schrecklichen Anfang sein kann. Würden Künstler, die sich auf das Schöne verstehen, gute Politik organisieren wollen, hätten wir also ein Kabinett, in dem Günter Grass Umweltminister, Christa Wolf Familien- und Sozialministerin, Peter Handke Außenminister und Rainald Goetz Verteidigungsminister wäre, so wäre es sicher an der Zeit, die Exilkoffer zu packen. Klug, wie die genannten Köpfe sind, entwickeln sie keinen oder allenfalls verhaltenen Ehrgeiz, ihre ästhetische in direkte politische Kompetenz umzusetzen. Wohl aber in moralische – und eben dies ist nicht die Lösung, sondern Teil des Problems.

Nichts spricht dafür, dass die moralische Integrität von Schriftstellern, Musikern oder bildenden Künstlern derjenigen der Durchschnittspopulation systematisch überlegen ist. Eine Institution wie die katholische Kirche, die noch auf ihre Weise an die dreifaltige Einheit des Schönen, Wahren, Guten glaubt, hat es schwer und wird selbst zum Symptom des Scheiterns ihrer Leitidee. Denn das Schöne, das Wahre und das Gute haben nicht erst in modernen, funktional ausdifferenzierten Gesellschaften ihre je eigenen Logiken – und das ist auch gut so, selbst wenn es unschön ist.

Jochen Hörisch ist Germanistik-Professor in Mannheim.

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