Kolumne

Schöne neue Hightech-Welt

  • Inge Günther
    vonInge Günther
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Digitale Hilfen machen das Leben leichter. Aber es tauchen auch neue Probleme auf.

Beim Frühstück in einem Tel Aviver Hotel hat ein holländischer Kollege ein Gespräch am Nachbartisch aufgeschnappt. Dort unterhielten sich zwei Geschäftsleute, der eine Israeli, der andere ein Chinese darüber, dass die Zukunft in der „Game-fication“ des Lebens liege.

Wie bitte? Unter „Game-fication“ vermag ich mir nichts Genaues vorzustellen, geschweige denn, dass mir eine passende Übersetzung für diese Neuwort-Schöpfung einfiele. Ich vermute mal, damit ist mehr gemeint, als sich mit immer neuen Computerspielen in virtuelle Abenteuer zu stürzen.

Aber jetzt haben wir, Teilnehmer einer Pressereise zu den Vorzeigeprojekten der vielgerühmten israelischen Hightech-Nation, Gelegenheit, einen Guru der Start-up-Szene zu befragen. Auf diesen Termin mit Uri Levine, Mitgründer von Waze, ein GPS-gestütztes Navigationssystem für Smartphones, sind alle besonders gespannt, auch ich.

Zumal unter den Apps, die sich mit der Zeit auf meinem Handy angesammelt haben, Waze mein klarer Favorit ist. Ohne „Nathan“, so der Name der Stimme, die mir sagt, wo ich abbiegen muss und mich vor Verkehrsstaus und Radarfallen warnt, wäre ich inzwischen verloren.

Also was hält Uri Levine von der Zukunft der „Game-fication“ des Lebens? All diesen Apps, die unser reales Dasein mittels künstlicher Intelligenz leichter und angenehmer gestalten? Dafür, dass Waze mit dem Verkauf an Google, den Internetriesen, 1,15 Milliarden US-Dollar eingebracht hat, fällt Levines Antwort erstaunlich kritisch aus: „Wenn man das menschliche Verhalten ändert, nimmt man auch etwas weg.“

Im Falle von Waze etwa den Orientierungssinn, den wir früher entwickeln mussten, wenn wir mit zerknitterten Landkarten auf den Knien und vagen Wegebeschreibungen befragter Ortsansässiger unser Ziel ansteuerten. Gereizte Wortwechsel mit dem Liebsten auf dem Beifahrersitz –„Kannst du keine Karten lesen?“- „Das Straßenschild hast du doch selber übersehen“ – erspart mir nun zwar die App. Klüger bin ich deshalb nicht, effizienter schon.

Was eigentlich auch für die Menschheitsgeschichte gilt, deren Fortschritte oft genug einhergingen mit dem Verlernen überholter Techniken. In der digitalisierten Gesellschaft vollzieht sich das nur rasanter denn je. Für die junge Generation, die mit Smartphones groß wurde, werde einiges komplizierter, prognostiziert der Waze-Guru.

Mir fällt da gleich das Familienpicknick im Sommer am Spreeufer ein, als sich düstere Gewitterwolken über uns zusammenbrauten, aber die Jüngeren unter uns, statt einen Blick in den Himmel zu werfen, lieber der Wetter-App vertrauten, die geringe Niederschlagsgefahr anzeigte. Bis die ersten Tropfen auf ihre Handy-Displays prasselten.

In Sachen „Game-fication“, was immer das heißt, scheint mir jedenfalls Skepsis geboten. Und auch diesem Mann vorne, der so abgeklärte Sätze sagt wie: „Technologie kann viele Probleme lösen, aber am Ende gibt es neue.“

Das schreckt natürlich Innovationsgeister wie ihn nicht ab, sich der Herausforderung zu stellen. Nicht umsonst trägt Uri Levine ein T-Shirt mit seinem Lieblingsmotto: „Start up = a journey of failures“, womit in etwa gemeint ist, dass die Produktentwicklung einer mit Fehlschlägen gespickten Reise gleicht.

Klingt faszinierend und auch ein bisschen tröstlich, ähnlich der Volksweisheit „Aus Schaden wird man klug“. Vorausgesetzt, man verlässt sich nicht in jeder Lebenslage auf seine Apps.

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