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Frankreichs Präsident Emmanuel Macron betrauert im Tschad den rätselhaften Tod des Präsidenten Idriss Déby.
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Frankreichs Präsident Emmanuel Macron betrauert im Tschad den rätselhaften Tod des Präsidenten Idriss Déby.

Leitartikel

Schöne Freunde

  • Johannes Dieterich
    VonJohannes Dieterich
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Ob im Tschad oder anderswo: Europas Afrikapolitik folgt weiter dem Motto „Unser Schuft ist ein guter Schuft“. Der Leitartikel.

Er war ein „verlässlicher“ und „mutiger“ Freund. Ein dermaßen guter Weggefährte, dass Frankreichs Präsident Emmanuel Macron nach dessen rätselhaftem Tod mit seinem Außenminister in den zentralafrikanischen Sahel-Staat Tschad jettete und sich dort vor seinem Sarg verbeugte.

Idriss Déby stand der ehemaligen Kolonialnation tatsächlich unerschütterlich bei: Eins ums andere Mal schickte er seine Soldaten an der Seite der Fremdenlegionäre in die Halbwüste, um „islamistische Terroristen“ zu jagen. Dass er nun selbst „auf dem Schlachtfeld“ fiel, hatte mit dieser Art von Terrorismus allerdings wenig zu tun: Der 68-Jährige starb im Kampf gegen heimische Rebellen, die er gleichermaßen „Terroristen“ nannte.

In Paris sorgte der Tod des heldenhaften Freundes für Angstschweiß-Attacken. Déby hinterlässt eine bedrohliche Lücke in dem strategischen Schlüsselstaat, der gleich an sechs afrikanische Krisennationen grenzt: an Libyen, die Zentralafrikanische Republik, die sudanesischen Darfur-Provinzen, Kamerun sowie den Niger und Nigeria.

Dass die Lücke nicht falsch gefüllt wird, war der eigentliche Grund für die Reise Macrons: Er setzte sich während der Trauerfeierlichkeiten neben den 37-jährigen Sohn Débys, den ein Militärrat gerade mit einem Staatsstreich zum Nachfolger gekürt hatte. Ein „Notfall“, erklärte Paris: Hauptsache, Mahamat Idriss stellt sich als ebenso verlässlicher Freund wie sein Vater heraus.

Auch Papa Déby war vor über 30 Jahren durch einen Putsch und die Hilfe aus Paris an die Macht gekommen: Dem in Frankreich zum Piloten ausgebildeten Offizier traute man mehr zu als seinem tyrannischen Vorgänger Hissène Habré. Déby versprach, für Frieden, Demokratie und Wohlstand zu sorgen.

Dann wurde in seiner Heimat Erdöl entdeckt, und die Weltbank finanzierte eine über 1000 Kilometer lange Pipeline an den Atlantik unter der Bedingung, dass ein Teil der Öleinnahmen einem Zukunftsfonds zugute kommt. Déby versprach auch das. Doch erst einmal schaffte er sich von dem Geld einen Militärhubschrauber an. Noch heute ist das Zukunftskonto leer – und die Bevölkerung des Tschad weiterhin die viertärmste der Welt.

Die Einnahmen aus dem Export des schwarzen Goldes pflegte Déby für Waffen und die Befestigung seiner Macht auszugeben. Wie in allen Patronage-Staaten bedachte der Präsident vor allem seinen Clan und sein Netzwerk an Getreuen.

In derartigen Patronage-Staaten muss es zum Streit kommen, weil ein Großteil der Bevölkerung von den Trögen abgeschnitten bleibt. Déby überlebte – meist mit französischer Hilfe – eine Unzahl von Putschversuchen und Rebellenumtrieben: In den Jahren 2006, 2008 und 2019 brachte Frankreichs Luftwaffe die auf die Hauptstadt N’Djamena vorstoßenden Rebellen auf. Ohne Hilfe der europäischen Freunde hätte sich Déby längst nicht mehr an der Macht befunden.

Washingtons „Africa Center for Strategic Studies“ schaute sich kürzlich die Konflikte des Kontinents genauer an – und stellte fest, dass zwölf von 16 gewalttätigen Auseinandersetzungen in autokratisch regierten Staaten toben. Keine der echten Demokratien des Kontinents befindet sich derzeit in einem bewaffneten Konflikt – aber neun von 16 Autokratien. Und in 90 Prozent der autokratisch geführten Staaten ist die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln nicht wirklich gesichert. Dazu zählt auch der Tschad.

Das ist natürlich auch in Paris bekannt. Deshalb werden Autokratien nicht offiziell unterstützt – es sei denn, der regierende Schuft ist unser Schuft, wie zynische Realpolitiker zu sagen pflegen. Solange die Autokraten eine wichtige Aufgabe erfüllen –die stets mit vermeintlicher Sicherheit und in diesem Fall mit Beteiligung am Kampf gegen den Terror in Verbindung gebracht wird – wird ihr miserabler Regierungsstil in Kauf genommen.

Dass der Terror durch die schlechte Regierungsführung der Autokraten und ihre Vernachlässigung der Bevölkerung überhaupt erst hervorgebracht wird, ist irgendwie schnuppe. Déby konnte sich ungehindert durch sechs Wahlen mogeln: Bei der letzten soll er wenige Tage vor seinem Tod auf 80 Prozent der Stimmen gekommen sein. Tatsächlich: ein stabiler Freund.

Was das alles mit Deutschland zu tun hat? Berlin lässt den Nachbarn in dessen einstigen Kolonialgebieten ungestört werkeln. Die EU-Politik für den frankophonen Teil des Kontinents wird weitgehend in Paris formuliert. Mehrmals kündigte Macron bereits einen radikalen Kurswechsel der einstigen Kolonialmacht an, doch der scheitert regelmäßig an den tiefverwurzelten wirtschaftlichen Interessen. Auf Bitte des militärisch überlasteten Nachbarn hilft Berlin immer wieder mit in die Sahel-Zone geschickte Bundeswehrsoldaten aus: Erst vor wenigen Tagen stimmte das Kabinett einer Vergrößerung des deutschen Kontingents zum Training malischer Soldaten zu.

Warum kommt zu solchem Anlass nicht mal die fragwürdige Pariser Afrika-Politik zur Sprache? Im Fall des Tschad und der hochexplosiven Sahelzone ist es womöglich schon zu spät dafür.

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