Kolumne

Schnauze digital

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Der persönliche Service in Berlin scheint in letzter Zeit etwas freundlicher zu werden. Aber zum Glück gibt es ja auch Automaten.

Neben Norddeutscher Tiefebene, Mittelgebirge, Alpenvorland und den Alpen gibt es in Deutschland bekanntermaßen eine weitere Landschaftsform, und zwar die Servicewüste. Sie wissen schon: draußen nur Kännchen und bitte nicht mit Karte, aber haben Sie es nicht vielleicht ein bisschen kleiner? Keine Extrawürste, weder mit noch ohne Darm, und der Kunde ist zwar König, aber die Monarchie ist abgeschafft.

Berlin wird in dieser Hinsicht gerne eine Vorreiterrolle unterstellt, vermutlich von Menschen, die noch nie in Brandenburger Restaurants essen waren. Mein Freund aus München hat den Service in Berlin immer gerne „studentisch“ genannt, wenn wir mal wieder irgendwo eine halbe Stunde auf den Gin Tonic warten mussten.

Mich persönlich juckt das selten. Während meines Studiums habe ich nebenbei als Verkäuferin gejobbt. Ich kenne also auch die andere Seite und verzeihe Menschen, die mit Kundenkontakt arbeiten, daher fast alles.

Trotzdem stoßen auch die geduldigsten Menschen in der Hinsicht manchmal an ihre Grenzen. Jeder von uns ist doch schon durch einsame Baumarktgänge gewandert, auf der verzweifelten Suche nach Beratung und Hilfe. Um dann nach einer gefühlten Ewigkeit auf einen Mitarbeiter zu treffen, der einen herablassend darüber belehrt, dass man nicht den genauen Fachterminus für das gesuchte Dingsi oder den Pinökel verwendet und es außerdem bitte korrekterweise Schraubendreher heißen muss. Ähnlich demütigend ist es nur, wenn die Parfümerieverkäuferin nach kurzem Abchecken noch ein kleines Pröbchen der Anti-Aging-Creme für die müde Haut ab 50 in die Tüte packt.

Die Pampigkeit, die wir alle schon in Berliner Restaurants erlebt haben, muss ich wohl auch nicht näher beschreiben. Dennoch habe ich das Gefühl, dass sich in letzter Zeit einiges verbessert hat. Sei es durch die wachsende Internationalität dieser Stadt oder durch einen generellen Trend zu mehr Kundenservice. Ich bin schon sehr lange nicht mehr von Busfahrern angemotzt oder in Kneipen richtig unfreundlich bedient worden. Wir sind natürlich noch lange nicht bei amerikanischen Verhältnissen, aber das ist in vielerlei Hinsicht ja auch ganz gut so.

Allerdings hege ich den Verdacht, dass diese spezielle Servicementalität nun ausgelagert wurde. Was früher von müden Verkäuferinnen noch mühsam von Hand gemeckert werden musste, erledigen heute die Maschinen. Ich vermute Absicht dahinter, um uns den Übergang in das Zeitalter der Automatisierung zu erleichtern.

Das heißt, auch wenn sich vieles ändert, müssen wir auf unser altbewährtes Konsumerlebnis nicht verzichten. Durch Leergutautomaten etwa, von denen mindestens einer nicht funktioniert und der andere wahllos Flaschen akzeptiert oder auch nicht. Durch automatisierte Telefonhotlines, die uns erst 35 verschiedene Ziffern plus Rautetaste drücken lassen, um uns dann für immer ins „Für Elise“-Nirwana zu schicken. Oder durch Selbstbedienungskassen, bei denen irgendein ausgefeilter Algorithmus dafür sorgt, dass eine Computerstimme immer einen unbekannten Artikel in der Einpackstation beanstandet.

Wenn diese Stimme jetzt noch im Berliner Dialekt spräche, bliebe für uns damit quasi alles beim Alten. Und wenn wir in Berlin irgendwas schätzen, dann ja wohl das.

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