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Das schmutzige Deutschland

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Von: Holger Schmale

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Das saubere Image des Konzerns ist durch den Skandal erheblich beschmutzt worden.
Das saubere Image des Konzerns ist durch den Skandal erheblich beschmutzt worden. © AFP

Kein Konzern steht so für Deutschland wie Volkswagen. Deshalb beschädigt der Abgas-Skandal um VW das Image der gesamten Bundesrepublik. Ein Kommentar

Ökonomisch ist Deutschland seit Jahrzehnten Weltspitze, und auch moralisch hat es spätestens seit der großzügigen Aufnahme so vieler Flüchtlinge einen internationalen Führungsanspruch. Beides ist bei nicht ganz so erfolgreichen Nachbarn wie beispielsweise Frankreich oder Großbritannien kaum dazu angetan, die Sympathien wachsen zu lassen. Zumal die Erfolgsmeldungen aus Deutschland oft mit einem bestimmten Subton daherkommen: Nehmt euch ein Beispiel, so, wie wir es machen, ist es richtig.

VW hat nun gezeigt, dass Deutschland auch ganz anders sein kann, fies und schmutzig. Der eingestandene Betrug mit den Abgaswerten der in den USA verkauften Dieselautos verschrammt das Renommee eines Unternehmens, das wie kaum ein anderes für Deutschland, seine Produkte und seine Qualitäten steht. Der VW Käfer war das erste Produkt, mit dem die Bundesrepublik nach dem Krieg auf den Weltmarkt zurückkehrte. Trotz seiner Herkunft aus der Nazizeit wurde das Auto auch zum Ausdruck eines neuen Bildes deutscher Bescheidenheit, Zuverlässigkeit und technischer Finesse. Der Mythos Made in Germany hat hier einen Ursprung.

Weil aber VW ein Teil des deutschen Images ist, beschädigt der Fall das Ansehen der Bundesrepublik in der Welt. Eines Landes, das allerorten für compliance, für die Einhaltung von Verhaltensregeln, Gesetzen und Richtlinien durch Unternehmen eintritt und sie als eine wesentliche Voraussetzung für fairen wirtschaftlichen Erfolg anpreist. Und nun zeigt sich, dass ausgerechnet das Unternehmen, das unter besonderem, gesetzlich geschütztem Staatseinfluss steht, diese Regeln massiv gebrochen hat. Nicht aus Unachtsamkeit, sondern, soweit man bisher weiß, ganz gezielt, um einen Wettbewerbsvorteil auf einem umkämpften Markt zu erzielen.

Oder besser: um einen Wettbewerbsnachteil auszugleichen, der aus mangelnder technologischer Innovationskraft gerade im Kampf um den US-amerikanischen Autokäufer entstanden ist. Angesichts der traditionell niedrigen Benzinpreise interessiert sich dort anders als in Europa niemand aus Kostengründen für Dieselmotoren, die nach weit verbreiteter Ansicht in Lkw und Traktoren gehören, aber ganz gewiss nicht in den Golf oder gar einen Audi vor der Tür. Tesla mit seinen sportlichen, immer erfolgreicher elektrisch motorisierten Autos sitzt nicht zufällig in Kalifornien.

Eine Erkenntnis aus der Finanzkrise lautete, dass die bösen Buben in den Investmentbanken säßen, in einer Branche, die zum Monster geworden war. In der die Manager sich mit unglaublichen Bonizahlungen die Taschen füllten, während sie Unternehmen und ganze Staaten an den Rand des Ruins spekulierten.

Der Gegenentwurf war die Kultur des ehrbaren Kaufmanns, der in der realen Wirtschaft zu Hause ist, wo mit richtigen Produkten faire Geschäfte gleichermaßen zum Wohle der Kunden wie der Eigentümer abgewickelt werden.

Deutschland hat die Finanzkrise auch deshalb so erfolgreich bewältigt, weil die produzierenden Branchen hier bei weitem größer als die Finanzwirtschaft waren und sind. Die Champions dieser Realwirtschaft aber sind Unternehmen wie Mercedes, BMW und eben VW. Nun sehen wir: Böse Buben sitzten auch hier. Wenn Mercedes-Benz mitteilt, es sei von den Ermittlungen der US-Umweltbehörde nicht betroffen, kann man das erst einmal nur glauben und das Beste hoffen.

Allerdings gehören Probleme mit der Unternehmenskultur bei VW zur Firmengeschichte wie der Käfer. Noch gut in Erinnerung ist die vor zehn Jahren aufgedeckte Korruptionsaffäre, in der Manager Betriebsräte korrumpiert hatten, um ihr Wohlverhalten zu erkaufen. Legendär sind die Auseinandersetzungen im Porsche-Piëch-Clan um Macht und Einfluss in dem Konzern, der trotz seiner Größe noch immer eine Art Familienunternehmen ist.

Es ist aber auch ein Unternehmen, an dem der Staat in Form des Landes Niedersachsen zu 20,01 Prozent beteiligt ist, dank eines speziellen Gesetzes über eine Sperrminorität verfügt und mit dem Ministerpräsidenten im Aufsichtsrat über die Geschicke des Konzerns direkt mitentscheidet. Dieser Umstand macht den Betrug in den USA noch schwerwiegender, er macht ihn zu einem Politikum. VW ist heute mehr als ein deutscher Weltkonzern. Es ist der Inbegriff der Deutschland AG. Deshalb unterminiert der Fall die     Glaubwürdigkeit, mit der Deutschland gerade seine neue Rolle in der Welt zu finden sucht.

Freilich: Manchen wird es auch gefallen, dass die Bundesrepublik wohl doch nicht so perfekt ist, wie sie sich gerne gibt. Musterschüler sind selten beliebt.

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