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Schmieren oder verlieren

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Wolfgang Niersbach (r.) mit Franz Beckenbauer.
Wolfgang Niersbach (r.) mit Franz Beckenbauer. © dpa

Der DFB hatte wahrscheinlich gar keine Chance, die Weltmeisterschaft ohne Schmiergelder nach Deutschland zu holen. Auf DFB-Präsident Wolfgang Niersbach fällt nun trotzdem ein Schatten.

Von Jan Christian Müller

Es ist erst ein paar Wochen her, als Wolfgang Niersbach an einem wunderschönen Sommerabend bei einer Podiumsdiskussion unter offenem Himmel in Frankfurt gut gelaunt berichtete: „Ich glaube, dass wir hier beim DFB den Laden ziemlich in Ordnung haben.“ Es war ein Zeitpunkt, als sich bereits abzeichnete, dass den geschätzten Kollegen bei der Fifa und Uefa die Läden alsbald komplett um die Ohren fliegen würden.

Überall dreckige Sümpfe, in denen ein Funktionär nach dem anderen verzweifelt strampelnd versinkt. Und mitten drin ein ruhiger, sauberer See: der gute Deutsche Fußball-Bund, geschützt von einem mächtigen medialen Netzwerk, geschützt auch vom grandiosen Erfolg seines Nationalteams, dem Weltmeister 2014, geschützt durch den Rausch des märchenhaften Sommers 2006, als Deutschland sich selbst überraschte und noch mehr die ganze Welt. Der DFB hat das Land verändert, die Menschen selbst, das Image im Ausland, die Fußball-Bundesliga mit ihren plötzlich topmodernen Stadien. Aber um welchen Preis?

Die Recherchen des „Spiegel“ lassen darauf schließen, dass es nicht mit rechten Dingen zugegangen ist, damals zur Jahrtausendwende, als das von Franz Beckenbauer angeführte Bewerbungskomitee alle Hebel in Bewegung setzte, um die WM 2006 gegen Widersacher Südafrika, den persönlichen Favoriten des Fifa-Präsidenten Sepp Blatter, nach Deutschland zu holen. Beckenbauer hatte sich zu diesem Zwecke den gewieften Netzwerker Fedor Radmann als Schattenmann an seine Seite geholt, der als ehemaliger Adidas- und ISL-Manager die Gepflogenheiten im Weltfußball sehr genau kannte. Die ISL als wichtigster Marketingpartner der Fifa war später der Zahlung von 138 Millionen Schweizer Franken Schmiergeld an verschiedenste Sportfunktionäre überführt worden.

Beckenbauer jettete an der Seite von Radmann, und oft auch dem für Öffentlichkeitsarbeit zuständigen Niersbach, in der ganzen Welt herum. Es galt, die Stimmen von zumindest der Hälfte der 24 Wahlmänner zu sichern, viele davon, wie man damals ahnen konnte und heute sicher weiß, korrumpierbar. Bundeskanzler Schröder, Topmodell Schiffer, Tennisidol Becker, Modeikone Lagerfeld wurden zum Wohle des großen Ganzen eingespannt, aber Beckenbauers Charme und Claudia Schiffers Anmut alleine dürften nicht ausgereicht haben, um ausreichend Überzeugungsarbeit zu leisten. Es gab wohl nur zwei Alternativen: schmieren oder verlieren. Bis heute ist ungeklärt, weshalb der inzwischen verstorbene neuseeländische Abgeordnete Charles Dempsey in der Stichwahl nicht zugegen war und somit den Auftrag seines ozeanischen Verbandes, für Südafrika zu stimmen, ignorierte.

Verdächtiges Verhalten

Dass das sich weitgehend aus DFB-Leuten zusammensetzende deutsche Organisationskomitee die vier Stimmen aus Asien eingekauft und sich dazu aus einer schwarzen Kasse bedient haben soll, war bislang unbekannt. Der Verband verhält sich verdächtig, wenn er 16 Fragen des „Spiegel“ vom vergangenen Mittwoch unbeantwortet lässt, am Freitagmorgen, nur wenige Stunden vor der Veröffentlichung des Magazins, dann aber eilig eine Pressemitteilung verschickt und behauptet, er befinde sich bereits seit Monaten in einer internen Prüfung auf der Suche nach dem Verbleib von 6,7 Millionen Euro, die 2005 auf einem Fifa-Konto gelandet waren. Eine Prüfung, die derart intern war, dass sie selbst Vorstandsmitglieder und Direktoren nicht kannten. Die Frage muss angesichts dieses wunderlichen Vorgangs erlaubt sein: Gab es diese Untersuchung überhaupt oder wurde sie angesichts der unangenehmen Fragen des „Spiegel“ nur vorgeschoben? Und wenn es sie gab, ist der DFB-Präsident, der gleichzeitig Vize-Präsident des Organisationskomitees war, ein geeigneter Auftraggeber für eine solche Prüfung?

Das Super-Interne an der Angelegenheit passt freilich ins Bild: Transparenz im Umgang mit seinen Bilanzzahlen ist im DFB allenfalls in Ansätzen in der Ära des Präsidenten Theo Zwanziger zwischen 2006 und 2012 gelebt worden. Zwanziger informierte die Öffentlichkeit einmal jährlich im groben Überblick über die Finanzen der Dachorganisation von mehr als 25 000 Fußballklubs, ähnlich, wie das jeder ehrenamtliche Schatzmeister eines kleinen Vereines zu tun verpflichtet ist. Nicht aber die Black Box DFB in den Jahren vor und nach Zwanziger. Bilanzen, Gewinn- und Verlustrechnungen, Überweisungen an die diversen, steuerlich besser gestellten DFB-Stiftungen, Anteil der nichtgemeinnützigen DFB-Wirtschaftsdienste am Gesamtumsatz – all das bleibt im Verborgenen.

Es ist nicht auszuschließen, dass Zwanziger, der sich im DFB auch durch seine Art der Menschenführung isoliert hat und den mit Niersbach eine herzliche gegenseitige Abneigung verbindet, vor allem seinem verbandsintern viel beliebteren Nachfolger und designierten Uefa-Boss wehtun will. Niersbach dürfte die „Spiegel“-Veröffentlichung vor allem so interpretieren, dass eine alte Rechnung beglichen werden soll. Eine, bei der niemand mehr zu Schaden kommen könnte als er selbst.

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