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Der Protest wird alleine von Schülerinnen und Schülern getragen.

„Fridays for Future“

Bevor der Protest zur Staffage wird: Schmiedet endlich Bündnisse!

„Fridays for Future“ sollte den nächsten Schritt machen und mit anderen Kräften versuchen, den Klimaschutz durchzusetzen. Der Gastbeitrag.

Es gehört nicht viel zur Prognose, den authentischen Klimaprotesten der Schülerinnen und Schüler bis zum Herbst eine „Bewegung auf der Kippe“ vorauszusagen. Schon in den letzten Wochen zeichnete sich ab: Das Bündnis mit den Studierenden ist eine Chimäre.

Schon zu den beiden Großdemonstrationen in Berlin waren nur wenige Studierende gekommen. Außerdem sind studentische Protestveranstaltungen an den Universitäten ausgeblieben. Der Protest wird allein von Schülerinnen und Schülern getragen.

Schüler setzen die politische Klasse unter Druck

Lehrerinnen und Lehrer waren ganz schwach vertreten, Eltern in Spurenelementen. Die professionellen Klimaaktivisten hielten sich zurück. Da wolle man sich bewusst nicht einmischen, verkündeten die Spitzen der Umweltbewegung unisono. Erstmals seit dem Bildungsstreik 2007/08 hatte eine angeblich unpolitische Schülergeneration europaweit die politische Klasse so unter Druck gesetzt, dass diese mit generöser Hilflosigkeit und Schein-Solidarität reagierte.

Trotz dieses öffentlichen und internationalen Erfolgs sind die formulierten Klimaziele der Schüler retro – lahm, zahm und wenig kämpferisch. Das waren nicht mehr als Standard-Positionen der Grünen. Nichts zu Hebeln der Durchsetzung, über Bündnisse, eine radikale Konsumkritik an Flugreisen, dem Autoverkehr und dem Ernährungsverhalten in der eigenen Familie.

Die Lehrer machen beim Schulschwänzen nicht mit

Noch nicht einmal an der fortgesetzten Regelverletzung am Freitag („Schulschwänzen“) wollen sie wirklich festhalten und offensiv begründen. Und bei den Braunkohleprotesten mit „Ende Gelände“ zeigten die jungen Leute die Grenzen ihrer Möglichkeiten.

Der wohl entscheidende Fehler ist aber vorher passiert. Die Schülerinnen und Schüler konnten einen vorzeigbaren Teil der Lehrerinnen und Lehrer nicht zu einer eigenen Arbeitsniederlegung am Freitag gewinnen und die Eltern(-Verbände) nicht zu einem wirklich solidarischen Verhalten ermutigen. So konnte Bundeskanzlerin Angela Merkel herablassend die Schülerproteste loben und im ganzen Land ergab sich eine solidarische Stimmung für die Schülerproteste.

Fridays for Future - der Protest wurde zur Staffage

In der Zwischenzeit wurde der Protest zur Staffage der ohnmächtig Mächtigen. Ökonomische Macht lässt sich so nicht einfach knacken. Der Staat hat eine Menge dazugelernt, Proteste am langen Arm lautlos verhungern zu lassen. Ein halbes Jahr Schülerproteste – und bei Licht betrachtet ein atmosphärischer Erfolg. Die Altvorderen haben eine solche internationale Bewegung nicht hinbekommen. Die internationale Mobilisierung war vom Feinsten. Danke!

Die Protestbewegungen sind aber in ihren Protestformen stecken geblieben – auch „Fridays for Future“. Von wegen in den letzten Jahren mehr ziviler Ungehorsam, Besetzung von Rektoraten, Schulleitungen und Banken. Mitnichten – insgesamt war und ist der Protest insgesamt kreuz-brav.

Wenn Studierende im Bachelor verdummen

Der Frust der Schülerinnen und Schüler wird groß sein, wenn sie erstmals seit vielen Jahren mit keinem substanziellen Erfolg aufgestanden sind. Nur wenn Studierende im Bachelor verdummen, Öko- und Klimaaktivisten nur das Interesse an sich selbst haben, Lehrerinnen und Lehrer in ihrer Dienst- und Treuepflicht angstvoll in der Furche liegen und Eltern nicht für die Infrastruktur der Klimaproteste ihrer Kinder blechen, zerschellt der Enthusiasmus und der Protest. Wenn dann noch Binnenprobleme der Schülerbewegung hinzukommen – beispielsweise der Streit um die Medienpräsenz der wenigen Gesichter der Bewegung –, dann stehen die Klimaproteste auf der Kippe.

Das Fatale an der vorläufigen Strategie der Schülerproteste ist ihr naives und verkürztes Politikverständnis. Das zu kritisieren ist auch die Aufgabe von Alt-Akteuren der sozialen Bewegungen. Heuchelnder Solidaritätsopportunismus ist eher peinlich.

Nur strategische Allianzen erzeugen politischen Druck

Die sozialen Bewegungen haben seit den 70er Jahren gelernt, dass auf Dauer nur strategische Bündnisallianzen den politischen Druck zur Modernisierung von Gesellschaften erzeugen. Das Atomkraftwerk Wyhl wurde nicht gebaut, das geplante Atommülllager Gorleben wurde bis heute nicht realisiert.

Wenn die eindrucksvollen Schülerproteste im Herbst nicht verkümmern sollen, ist eine lernfähige soziale Bewegung die Voraussetzung für einen nachhaltigen Erfolg. Dazu ist ein breites Bündnis auf Augenhöhe der nächste Schritt. Mit Lehrerinnen und Lehrern, Eltern, Studierenden und auf Augenhöhe mit den professionellen Klima-, Naturschutz-, Verkehrswende- und Umweltaktivisten. Nur breite Bündnisse haben eine Aussicht auf Erfolg.

Schülerinnen und Schüler sollten sich nicht von schwierigen Debatten irritieren lassen und über die eigene Strategie nachdenken.

Peter Grottian ist Politik-Aktivist und Hochschullehrer für Politikwissenschaften an der FU Berlin.

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