In Zeiten des Coronavirus sollte es kein „die“ geben, findet Anetta Kahane.
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In Zeiten des Coronavirus sollte es kein „die“ geben, findet Anetta Kahane.

Rassismus

„Wir“ und „die“ und die Krise: Schluss mit Rassismus in Zeiten von Corona

  • Anetta Kahane
    vonAnetta Kahane
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Wenn alle gemeinsam gegen das Virus kämpfen sollen, muss Schluss sein mit Ausgrenzung. Gegen Rassismus hilft kein Händewaschen. Die Kolumne.

Die Nachrichten in Corona- Zeiten erscheinen mir besonders skurril. Die Dinge verengen sich, die Perspektiven schrumpfen, alles scheint wie in Watte gehüllt. Das Symbol dieses Zustands ist Klopapier und viele der Witze darüber sind auch wirklich sehr komisch.

Auf den Balkonen zeigen die Leute zu verabredeten Zeiten ihre Solidarität mit Menschen, die in der Krise das Leben am Laufen halten. Es ist schön zu sehen, wie Nachbarn sich umeinander sorgen, die vielen Hilfsangebote wärmen mir das Herz.

Eigentlich will ich nur das sehen. All die anderen, furchtbaren Dinge, die sonst passieren, sollen doch bitte auch eine Pause machen. Die Mordanschläge von Hanau sind noch nicht lange her, und gerade begann das Land ernsthaft über Rassismus zu diskutieren. Was ist damit jetzt?

In den letzten Wochen wurden asiatisch aussehende Menschen besonders oft beschimpft und angegriffen. Die rassistischen Aggressionen haben nicht abgenommen. Flüchtlingsunterkünfte werden teilweise barsch abgeriegelt, wer sich drinnen infiziert, hat Pech gehabt. Der Unterricht für Kinder in solchen Heimen, die keine Computer haben, fällt eben einfach aus. „Erstmal unsere Kinder“, heißt es dann. Da ist der Rückfall in alte Muster vom „wir“ gegenüber dem „die“.

Doch wenn „wir“ auf Distanz zusammenrücken, dann sollte es kein „die“ geben. Das Virus macht auch keinen Unterschied. Die Hintergrundmelodie dazu sind die vielen Reden, in denen das „wir“ in jedem Satz beschworen wird.

Unser Land und die Schicksalstage. Wie im zweiten Weltkrieg. Plötzlich ist es wieder da, dieses Gefühl der Schicksalsgemeinschaft der Deutschen. Dass sich die Leute an den Krieg erinnern, mag man in dieser Situation verstehen – auch wenn Krieg und Vernichtung absolut nichts mit Schicksal zu tun hatten. Der große Unterschied sollte jetzt aber sein, dass der Zusammenhalt auch jene einschließt, die keine „Volksdeutschen“ sind. Das ist nicht selbstverständlich. Rassismus geht nicht weg durch Händewaschen.

Da ist noch ein anderes Wort aus den Zeiten des Krieges, das ich immer wieder höre, wenn Leute jetzt nicht rausgehen sollen: Lagerkoller. Gemeint sind nicht die Flüchtlinge in den riesigen Lagern in Griechenland oder Kinder, die dort Suizid begehen wollen, weil sie keinen Ausweg sehen. Gemeint sind nicht einmal die Unterkünfte hier in Deutschland, wo Menschen auf engem Raum abgeriegelt werden. Lagerkoller gibt es nur für Deutsche. Unter anderem in Ermangelung von Klopapier.

Und was machen derweil die Rechtsextremen? Sie denken sich Verschwörungstheorien aus, fantasieren über das Ende des Systems und natürlich sind an allem die Juden schuld. Es ist gut, dass sie momentan nicht so sehr im Fokus der Berichterstattung stehen, aber sie sind noch immer da und versuchen, über die sozialen Medien Unsicherheit und Panik zu verbreiten.

Und zum Schluss noch etwas Komisches: Die Selbstauflösung des rechtsextremen Flügels der AfD. Als alter Star-Trek-Fan muss ich beim Anblick von Björn Höckes Selbstauflösung an die Figur des Odo denken. Odo war ein Wechselbalg. Ab und zu verflüssigte er sich. Und wenn seine Selbstauflösung vorbei war, konnte er sich in jeder denkbaren Gestalt wieder materialisieren. So ist Höcke plötzlich kein Nazi mehr und der „Flügel“ verschwunden. Und Klopapier wächst auf den Bäumen.

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

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