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Wer den Klimawandel bekämpfen will, sollte die Rinderhaltung beschränken (Symbolbild)

Gastbeitrag

Macht Schluss mit der Ökomoral

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Umweltschutz wird nur erfolgreich sein, wenn er politisch Standards und Limits setzt. Unpolitische Ökos werden die Welt dagegen ganz sicher nicht retten.

Ich habe eine seltsame Erfahrung gemacht: Es gibt unpolitische Ökos. Damit meine ich Menschen, denen Umweltschutz wichtig ist, die stundenlang über Plastiktrinkhalme und Bienensterben diskutieren können und regelmäßig im Bioladen einkaufen. Menschen, die vorgeben, das Richtige zu tun. Die aber vollkommen unpolitisch sind und sich allenfalls bei den Wahlen an der Demokratie beteiligen.

Solche Ökos werden die Welt nicht retten. Um die Klimaerhitzung zu bekämpfen, sind Menschen gefragt, die den Arsch hochkriegen, die sich einmischen. Ökos, die über mehr nachdenken als die Verwendung ihres Einkommens.

Neulich fragte mich jemand nach dem Vortrag: „Herr Kopatz, stimmt es, dass sie mit einem Wohnmobil Urlaub gemacht haben?“ Ich war zunächst perplex. War das ein Vorwurf? Leider erlebe ich das immer wieder, dass man sich an mir abarbeitet: „Der macht ja auch nicht alles richtig!“

Klimawandel: Ökomoral kann nerven und ist nicht die Lösung

Das stimmt! Ich bin nicht perfekt. Ich bin auch gar kein Moralapostel. Weder lebe ich das ökoperfekte Leben vor noch erwarte ich das von meinem Umfeld. Ökomoral kann nerven. Vor allem, wenn sie scheinheilig ist.

Das ist quasi permanent der Fall. Drei Beispiele: Rund 80 Prozent der Bürgerinnen und Bürger wollen weniger Autos in der Stadt haben. Tatsächlich mag aber niemand den Wagen stehen lassen oder gar abschaffen, ist die Zahl der Autos um sieben Millionen gewachsen und fahren wir so viel Auto wie noch nie. Zweitens: Rund 90 Prozent sind angeblich bereit, viel mehr Geld auszugeben für Fleisch aus artgerechter Tierhaltung. Real tun es nur ein bis zwei Prozent. Und über 90 Prozent finden fairen Handel wichtig. Warum liegt der Marktanteil dann nur bei zwei Prozent?

Klimaschutz gelingt nicht allein durch Konsumverzicht

Moral ist sehr wichtig, sonst gäbe es ja gar kein Interesse am Klimaschutz. Die breite Mehrheit findet es wichtig, die Klimahitze zu bekämpfen. Über 30 Jahre Umweltbildung in Schulen und Universitäten, unzählige Artikel in Zeitungen und Zeitschriften, plastische und aufrüttelnde Dokumentationen im Fernsehen, all das hat bewirkt, dass die Menschen bereit sind – mental.

Wie kommen wir raus der Nummer? Wie kann es gelingen, dass unser herausragendes Umweltbewusstsein sich in konkreten Handlungen entlädt, die einen Beitrag zu Klimaschutz leisten? Nun, die erste Einsicht ist: Wir können das kollektive Problem Klimakrise nicht individuell lösen. Es geht nicht darum, dass jeder bei sich anfängt, dass jeder verzichtet. Das kann bitte gern tun, wer möchte. Viel wichtiger als privater Konsumverzicht ist jedoch politisches Engagement, etwa in Form von Protesten und Demonstrationen.

Dem Klimawandel mit Verboten und Standards begegnen

Was dem Einzelnen nicht gelingt, müssen wir gesellschaftlich vereinbaren. Es ist töricht, wenn Politiker sich reflexhaft über Verbote aufregen. Es ist verboten, seinen Müll in Nachbars Garten zu werfen oder bei Rot über die Ampel zu fahren. Es ist verboten, giftige Schadstoffe in Lebensmittel zu mischen. Wo ist denn das Problem? Die meisten Regeln ermöglichen es, dass wir unversehrt und in Freiheit leben können.

Die Leitbegriffe der Ökoroutine sind Standards und Limits. Steigende Standards sorgen dafür, dass sich die Produkte in den Supermärkten und Kaufhäusern ändern. Es ist naiv, Plastikmüllberge mit Kampagnen zu bekämpfen. Ein wirkungsvoller Standard wäre zum Beispiel, würden Getränke nur noch in Pfandflaschen verkauft. Oder wenn Autos schrittweise weniger CO2 emittieren dürfen. Das hat die Kommission übrigens schon beschlossen. Ebenso wird das Nullemissionshaus bald Standard.

Gegen Klimawandel, Flugtaxis und Rinderhaltung

Limits begrenzen die Expansion. Das hieße beispielsweise für den Luftverkehr, die Zahl der Starts und Landungen einzufrieren, auch würden keine Straßen gebaut und nicht mehr Autos als gegenwärtig zugelassen. Zu limitieren, besser zu vermeiden wäre das Flugtaxi. Es beschleunigt, schafft damit mehr Verkehr, ist klimaschädlich und macht niemanden glücklicher. Noch ein Beispiel? Wie wäre es mit einer Limitierung der Rinderhaltung? Das gab es mal, es hieß „Flächenbindung“.

Das sind keine abstrusen Forderungen. Es ist genau das, was wir tun müssten, wenn wir beginnen würden, unsere ökomoralische Einstellung ernst zu nehmen. Willst Du, dass es Deinen Enkeln einmal nicht schlechter geht? Das geht nicht ohne Limits.

Vorbild Fridays for Future: Mit Engagement gegen den Klimawandel 

Und wie kommen wir dahin? Da sind wir wieder beim Punkt „Den Arsch hochkriegen, sich einmischen“. Wir müssen über mehr nachdenken als die Verwendung unseres Einkommens. Oder die Kariere. Die „Fridays for Future“-Bewegung macht gerade sehr anschaulich, was sich durch Engagement und politischen Protest bewirken lässt.

Michael Kopatz ist Projektleiter im Wuppertal Institut und hat das Konzept der Ökoroutine entwickelt. Sein neues Buch hat den Titel „Schluss mit der Ökomoral. Wir wir die Welt retten, ohne ständig daran zu denken“.

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