Leitartikel

Schluss damit

  • Andreas Niesmann
    vonAndreas Niesmann
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Es hilft nicht, auf die Selbstheilungskräfte der Fleischindustrie zu setzen. Die Politik muss durchgreifen – mit Recht und Gesetz. Der Leitartikel.

In einem Schlachthof von Deutschlands größtem Fleischkonzern Tönnies hat es einen massiven Corona-Ausbruch gegeben. Mindestens 650 Arbeiter des Betriebes in Rheda-Wiedenbrück haben sich infiziert, der betroffene Kreis Gütersloh musste Schulen und Kitas wieder schließen.

Die Nachricht ist in vielerlei Hinsicht eine schlechte, sie löst neue Sorgen aus, und sie macht auch wütend. Es gibt jede Menge Fragen, die nun diskutiert werden müssen. Die wichtigste lautet: Wie um alles in der Welt konnte das noch einmal passieren?

Dass Mitarbeiter der Fleischindustrie besonders gefährdet für eine Infektion mit Covid-19 sind, ist spätestens seit Anfang Mai bekannt. Beinahe täglich wurden damals neue Ausbrüche in Schlachtbetrieben gemeldet. Coesfeld, Oer-Erkenschwick, Pforzheim, Dissen – die Liste ließe sich beliebig verlängern. In den USA waren zeitweilig so viele Fleischarbeiter erkrankt, dass Hamburger-Restaurants ihre Burger von der Karte nehmen mussten.

Das Risiko war also bekannt, und die Frage drängt sich geradezu auf, warum es eine einzelne Branche nicht schafft, die Arbeits- und Lebensbedingungen ihrer Beschäftigten so zu verändern, dass das Infektionsrisiko sinkt? Was steckt hinter den immer neuen Infektionsherden in Schlachthöfen? Schlamperei? Geldgier? Gar Arroganz?

Auf die Idee kann man kommen, wenn sich die Äußerungen noch einmal zu Gemüte führt, die Fleischbaron Clemens Tönnies noch vor wenigen Wochen getätigt hat. Dass ein Generalverdacht gegen die Branche nicht gerechtfertigt sei. Dass die Kritik nicht zur Manie werden dürfe. Dass man seine Schlachthöfe jederzeit besuchen könne, um sich davon zu überzeugen, dass alles in bester Ordnung sei. Wie hohl wirken diese Phrasen angesichts der Nachrichten aus Rheda-Wiedenbrück?

Der Fall ist ein weiterer Beleg dafür, dass man die Fleischindustrie in ihrer derzeitigen Verfassung gar nicht kritisch genug beobachten kann. Und mit Beobachtungen allein wird es nicht getan sein. Es müssen Konsequenzen gezogen werden, und zwar schnell.

Auf die Selbstheilungskräfte der Branche zu setzen, wird nicht funktionieren. Die Politik muss durchgreifen – mit Recht und Gesetz. Die Gesundheitsämter müssen heruntergekommene Arbeiterunterkünfte rigoros dichtmachen und die Arbeitsbedingungen an den Zerlege-Tischen engmaschig kontrollieren. Die schon im Mai erfolgte Einigung der Großen Koalition auf ein Verbot von Leiharbeit und Werkverträgen in der Branche muss zügig und ohne Verwässerung umgesetzt werden. Die Bundesregierung sollte prüfen, ob das nicht auch vor dem 1. Januar 2021 zu machen ist. Auch die versprochenen Programme zur Beratung und Weiterbildung der Arbeiter aus Osteuropa müssen schnell kommen.

Und die Menschen im Land müssen sich fragen, wie lange sie sich das billige Fleisch eigentlich noch leisten wollen? Angesichts des nun erneut offenkundig gewordenen Elends der Arbeiter in den Schlachthöfen erfordert es schon ein gehöriges Maß an Ignoranz, um sich am Wochenende über Grillfackeln und Rostbräter aus dem Sonderangebot zu freuen. Vom Leiden der Tiere mal ganz abgesehen.

Diese Diskussionen sind unangenehm, aber sie müssen geführt werden – weil sich sonst nichts ändert. Was nicht geführt werden muss, sind Scheindiskussionen wie die um eine etwas ungelenke Äußerung des Nordrhein-Westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet.

Der hatte auf die Journalisten-Frage, was denn der Fall Tönnies über die bisherigen Lockerungen der Corona-Schutzmaßnahmen aussage, geantwortet: „Das sagt überhaupt nichts aus, weil Rumänen und Bulgaren da eingereist sind und da das Virus herkommt.“ Und in einem zweiten Satz hat er betont, dass der Ausbruch nichts mit Lockerungen zu tun habe, sondern mit der Unterbringung von Menschen in Unterkünften und Arbeitsbedingungen in Betrieben.

Beide Sätze sind ziemlich sicher wahr, beide sind nicht zu beanstanden. Laschet nun das Schüren von Ressentiments oder gar Rassismus vorzuwerfen, wie es Teile der Grünen und der SPD versuchen, ist absurd. Eine Schuld der Arbeiter hat der CDU-Mann nie behauptet.

Das Ärgerliche an Debatten wie dieser ist, dass sie vom Kern des Problems ablenken: Der Verantwortung und Schuld der Schlachtkonzerne. 

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