Kolumne

Schlechte Zeiten – gute Zeiten

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Neu entdeckte Arten und die Tiefsee zeigen, wie wenig wir unsere Erde kennen. Das Naturkapital zu erhalten geht auch in Zeiten von Corona.

Richtig gute Nachrichten gibt es derzeit kaum. Beim Eishockey gibt es keine Meisterschaft, Fußball findet vor leeren Rängen und bald gar nicht mehr statt, Theater und viele Schulen sind geschlossen, Urlaube müssen storniert werden, in Bella Italia sitzen alle in landesweiter Massenquarantäne, und der Hamster ist, ohne sein Zutun, zum meistzitierten Tier dieser Wochen geworden. Es bleibt unvorhersehbar, was das Coronavirus uns noch alles beschert.

Aber nicht nur der Krankheitskeim prägt die Zeit. Sabine hat die Wälder flach gelegt, die Förster kommen mit dem Aufräumen nicht hinterher, nach zu langer Trockenheit fällt jetzt zu viel Regen, niemand klärt, ob Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur etwas miteinander zu tun haben.

Immerhin stehen große Teile der Bevölkerung gegen rechts zusammen, und die Wegbereiter des Fremdenhasses entlarven sich in Parlamenten und Talkshows mit immer absurderen Äußerungen. Gleichzeitig greifen Maßnahmen zum Klimaschutz weiter viel zu kurz, und das Artensterben ist als Katastrophe weltweit von den Regierungen anerkannt.

Da verbreitet die Deutsche Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde (DGHT) gerade die erfreuliche Meldung, dass seit Jahren alljährlich rund 200 neue Arten von Frosch- und Schwanzlurchen entdeckt werden. So auch im vergangenen Jahr. Doch auch das ist keine wirklich beruhigende Nachricht. Im Gegenteil, die meisten Arten stammen aus Südamerika, haben jeweils nur sehr kleine Verbreitungsgebiete in den tropischen Wäldern und sind schon deswegen gefährdet.

Aus Europa sind immerhin zwei neue Kröten dabei, von denen eine in Katalonien, die andere auf dem Peloponnes vorkommt. Auch im gut erforschten Europa gibt es also noch Überraschendes zu entdecken.

Nehmen wir das als kleinen Hinweis, dass uns unsere Erde weitgehend unbekannt ist. Das gilt ganz besonders für die Tiefsee, von der wir fast nichts wissen.

Man glaubte noch vor kurzem, dass von 600 Meter Tiefe an kein Leben mehr vorhanden sei. Falsch! Gerade entdeckte ein Meeresbiologe des Senckenberg-Institutes eine neue Krebsart in 5000 Metern Tiefe. Sie lebt auf jahrmillionenalten Manganknollen, die auch weitere wertvolle Metalle wie Kupfer und Nickel enthalten.

Da lacht das Herz des Ressourcenverbrauchers in der Vorfreude auf neue Rohstoffquellen. Wir erleben auf der Erdoberfläche, welch katastrophale Auswirkungen der Abbau von Bodenschätzen haben kann, und das in Gebieten, die wir zu kennen glauben. Auf dem Grund der Ozeane dürfte ein solcher Abbau noch weit schlimmere Folgen haben. Reicht es nicht schon, dass Forscher selbst in tiefsten Tiefen, weitab jeder menschlichen Besiedlung, Plastik nachgewiesen haben? Sogar in lebenden Organismen.

Es wird höchste Zeit, dass wir unsere Umwelt und ihre Ressourcen als Naturkapital verstehen. Jeder Ökonom weiß, dass es nicht sinnvoll ist, das Kapital aufzuzehren. Nur die Beschränkung auf das Abschöpfen der Zinsen ist nachhaltig. Es könnten richtig gute Zeiten kommen, wenn das zum Grundprinzip menschlicher Ressourcennutzung erhoben würde. Daran kann uns selbst Corona nicht hindern.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Zoodirektor.

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