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Schlechte und dumme Arbeit

Zu: "Hoffnung für Arbeitslose", FR-Wirtschaft vom 2. Juli

Als Politologe und langjähriger Lehrer in einem sehr erfolgreichen Arbeitsvermittlungsprojekt muss ich Herrn Sievers' und Herrn Scholz' Freude über die guten Arbeitsmarktzahlen etwas dämpfen. Natürlich ist jeder neue Arbeitsplatz ein Riesengewinn. Zumal wenn er anständig bezahlt, sozialversichert und nicht auf drei Monate befristet ist. Aber man darf sich doch 2008 nicht über Arbeitslosenzahlen freuen, die man 1992 noch als Skandal angesehen hat. Und dies als Grundlage der politischen Ankündigung einer Vollbeschäftigung bis 2015 nehmen.

Der "Arbeitslosenberg", den wir hatten, bestand aus zwei Teilen: einem strukturellen Sockel, verursacht u.a. durch die Verwerfungen des internationalen Industrie- und Finanzsystems und erhöht durch die Wiedervereinigung. Und aus einem konjunkturellen Gipfel wegen einer ungewöhnlich langen und zähen deutschen Konjunktur-Depression. Abgebaut ist bislang nur der konjunkturelle Gipfel. Die Berufspessimisten, die noch vor kurzem die "deutsche Depression" zelebriert und verstärkt haben und die neuen Optimisten, die neuerdings vollmundig das baldige Ende der Arbeitslosigkeit verkünden, benutzen in Wirklichkeit dieselbe ideologische Giftquelle: das Bild eines perfekten und rationalen Marktes, der nur von außen gestört werden kann. Deshalb haben beide auch Wörter wie "Konjunktur" und "Krise" aus ihrem Wortschatz gestrichen.

Das Ziel, Staat und Zivilgesellschaft daran zu hindern, "den Markt" beschränken und lenken zu wollen, bleibt gleichermaßen bestehen. Darum muss die "Senkung der Lohnkosten" - also ein recht partikulares Interesse bestimmter Marktteilnehmer - ein allgemeiner politischer Fetisch bleiben. Es darf auch niemand darauf kommen, dass unwürdige Arbeitsbedingungen oder die Teilnahme an Wirtschaftsbetrug von Telefonabzocke bis Kreditschwindel oder z.B. die Produktion mancher Waffen schlimmer sind als Arbeitslosigkeit. Wir brauchen nicht einfach mehr Arbeit - wir brauchen mehr gute und nützliche Arbeit. Und die wird der globalisierte Markt nie mehr einfach von selbst schaffen - nicht heute und nicht 2015. Statt einer verfehlten Agenda 2010, die über prekäre Zeitarbeit und hunderttausende 1€-Jobs überwiegend schlechte und dumme Arbeit geschaffen hat, brauchen wir einen neuen ökonomischen Gesellschaftsvertrag, der unter Arbeit und Wachstum nicht mehr die Umwandlung wertvoller natürlicher Ressourcen und Lebenszeit in immer größere Geldhaufen versteht, sondern die schonende Bestellung des "Gartens" Erde und die Vermehrung von Lebenschancen und Lebensfreude. Für dieses wirklich optimistische, aber auch notwendige Projekt ist jeder gefordert.

Die Herren Scholz und Weise könnten z. B. schon mal dazu beitragen, indem sie damit aufhören, ihr marktblindes "No one left behind"-Geschwätz mit der realen Streichung von Bildungsmaßnahmen wie dem nachträglichen Erwerb des Hauptschulabschlusses oder zusätzlicher Sprachförderung für Migranten und Migrantinnen zu kombinieren.

Ulrich Meyer, Münster

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