Kolumne

In der Schlange

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Anstand, so angenehm und wünschenswert er sein mag, ist auch eine seltsam flüchtige Konvention. Die Kolumne.

In Johannes Groschupfs rasantem Berlin-Thriller „Berlin Prepper“ arbeitet der Ich-Erzähler als Aushilfsredakteur für ein Online-Medium. Mit wenigen Kollegen teilt er sich die Nachtschichten, sie bilden eine Art Putztruppe, deren Aufgabe darin besteht, die schlimmsten Hass-Kommentare unter den Texten zu entfernen. In der Stille des Newsrooms, so die erzählerische Idee, kommt man den gesellschaftlichen Abgründen am nächsten.

Die Hass-Kommentare, mit denen das Internet überschwemmt wird, sind auch außerhalb der Literatur in aller Munde, aber man muss ihnen nicht zwangsläufig begegnen. Wer nicht chatted oder twittert, vermag, wenn er ein wenig Glück hat, ganz ohne Shitstorm zu leben. Und muss ich wirklich wissen, was der Youtuber Rezo, den eben noch alle für einen jugendlichen Heilsbringer der neuen Medienwelt hielten, für ein Frauenbild hat oder verbreitet?

Aber Unverschämtheit, Rücksichtslosigkeit oder der Mangel an Anstand sind keine Erfindungen der digitalen Kommunikation. Der Journalist und Autor Jörg Schindler hat in seinem Buch „Die Rüpel-Republik“ bereits vor einigen Jahren einen Trend zur sozialen Enthemmung ausgemacht.

Das Ich der neoliberalen Gesellschaft, so legte es Schindlers Beispielkette nahe, ist vollauf damit beschäftigt, zu sehen, wo es bleibt. Man liest Schindlers Kasuistik und stimmt sofort ein – man hätte schließlich selbst eine ganze Menge zu erzählen.

Über das Leben als Verkehrsteilnehmer zum Beispiel. Und die Sache mit den eigenen Nachbarn kann, wie jeder weiß, zur sozialen Grenzerfahrung werden, allen Versuchen zum Trotz, allzu viel Nähe mit Geschick und psychologischem Einfühlungsvermögen zu meiden.

Mein zweiter Gedanke zum Thema war allerdings weniger schön. Handelt es sich bei der Diagnose wachsender Rücksichtlosigkeit nicht zuletzt auch um den bösen Blick älter werdender Menschen, die das Verhalten anderer Leute benörgeln und dies als soziale Erkenntnis verklären? Was mache ich, wenn ich nicht gerade mit der Abwehr der Zumutungen des Alltags beschäftigt bin?

Beim Aufenthalt in einer Warteschlange in der Mittagskantine einer öffentlichen Einrichtung ereilte mich neulich eine sorgsam, aber bestimmt artikulierte Zurechtweisung. „Merken Sie sich das bitte fürs nächste Mal.“

Was war geschehen? Beim Anstehen hatte ich erkannt, dass eine zweite Kasse geöffnet war, an der eine im Dienst befindliche Kassiererin auf Kundschaft wartete. Kurzerhand war ich vorgeprescht, hatte bezahlt und war im Begriff, mein Tablett zu nehmen und einen Platz zu suchen.

Das Auge der Kontrolle in Gestalt eines Mitwartenden aber ließ mich innehalten. In aller Form wies er mich darauf hin, dass sich die Schlange erst unmittelbar vor den beiden Kassen teile. „Zwei Kassen eine Schlange“, so seine mit triumphaler Stimme vorgetragene Belehrung.

Durch mein beherztes Handeln also hatte ich mir einen unbotmäßigen Vorteil verschafft. Die Wartenden waren gar nicht dümmer, sondern nur disziplinierter als ich. Ich war – nicht nur für den Moment – beschämt, weil ich zu der Entdeckung gedrängt worden war, dass Anstand, so angenehm und wünschenswert er sein mag, zugleich auch eine seltsam flüchtige Konvention ist.

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