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Die Spitzenkandidaten der AfD: Alexander Gauland (l.) und Alice Weidel.

Kolumne

Schlaglöcher und die AfD

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Der Erfolg der Rechtspopulisten ist kein Problem der Lokalpolitik. Genauso wenig, wie es nur mit dem Ost-West-Konflikt zu erklären wäre. Die Kolumne.

Eine Freundin ist angehende Lehrerin, sie absolviert ein Praxissemester an einem Gymnasium in Berlin. Am Montag nach der Wahl schlug sie vor, dass man im Deutschunterricht der elften Klasse über das Wahlergebnis redet, darüber, dass zum ersten Mal eine rechtsradikale Partei in den Bundestag zieht.

Der zuständige Lehrer winkte ab, das sei nicht nötig, man befinde sich im multikulturellen Friedrichshain-Kreuzberg, der Erfolg der AfD treffe die Lebensrealität der Schüler nicht. Im Bezirk wählten nur 6,3 Prozent die AfD. Dies sei eines ihrer schwächsten Ergebnisse in der Hauptstadt Berlin.

Mich erinnerte das an meine Schulzeit vor vielen Jahren, in Berlin war die Mauer gefallen, das Land ging unter, aber unsere Lehrer in Eisenhüttenstadt zogen den Stoff durch, als sei nichts passiert. Berlin? Weit weg. Sie haben damals selber nicht gewusst, wie es weiter gehen werde, sagten sie später.

1989 ist nicht 2017, schon klar. Aber was ich seltsam finde, ist die Haltung, dass man sich offenbar nur mit der AfD beschäftigen soll, wenn man persönlich betroffen ist, wenn der Nachbar AfD gewählt hat. Als wäre ihr Erfolg ein Problem der Lokalpolitik, das man vor Ort bewältigen muss, wie die Schlaglöcher in einer Straße. Das scheint keine vereinzelte Meinung zu sein, sondern eine Überzeugung, die nach der Wahl aufkam, in den Parteien, in den Medien. Angela Merkel, die große Verliererin, wirkte am Wahlabend auch nicht so, als würde es sie groß interessieren, was falsch gelaufen ist.

AfD-Erfolg kein Phänomen des Ostens

Manches in den vergangenen Tagen las sich, als sei der Erfolg der AfD ein rein ostdeutsches Phänomen. Dabei ziehen mindestens sechzig Abgeordnete der Fraktion ein, die in westdeutschen Wahlkreisen kandidiert haben. Darunter sind Unternehmer, Richter, Staatsanwälte, die zum Teil auf lange Karrieren zurückblicken können – das sind jetzt keine Außenseiter der Gesellschaft.

Noch eindrücklicher wird der Erfolg der AfD, wenn man sich die absoluten Zahlen anschaut. In Sachsen wählten die AfD 670 000 Menschen. Das sind, gemessen am Bevölkerungsanteil, sehr viele, und es gibt spezifische Ursachen, aber in NRW und Bayern machten sogar knapp eine Million Menschen bei der Partei ihr Kreuz, in Baden-Württemberg rund 730 000.

Die Ost-West-Debatte schlug hoch, aber es gab differenzierte Stimmen. Nach dem Brexit, dem Erfolg von Le Pen und Trump erkennen viele, dass das, was in Deutschland passiert, sich nicht nur mit dem DDR-Erbe erklären lässt. Sondern dass es eine internationale Dimension gibt.

Und dann gibt es Rückfälle, da wirkt die deutsche Einheit im 27. Jahr wieder wie eine dysfunktionale Paarbeziehung, immer dieselben Vorwürfe, dieselben Schläge, null Entwicklung.

Auf Facebook postete ein Spiegel-Redakteur einen Text. „Höre, ich solle Ostdeutsche ernst nehmen. Ihr kamt 1990 mit nem Trabbi angeknattert und wählt heute AfD. Wie soll ich euch ernst nehmen“, schrieb er. Als ich das sah, musste ich lachen, ein schlechter Witz. Es ging aber weiter, er schimpfte auf die Ostdeutschen, alles Extremisten. „Ostdeutsch“, das war für ihn ein Schimpfwort. Tausenden Menschen gefiel das.

Ich habe nie einen Trabbi besessen, und ich weißt nicht, ob es Hasnaim Kazim besser gefallen hätte, wenn die Ostler 1990 alle mit Ladas gekommen wären. Er klingt jedenfalls ziemlich wütend.

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