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Schlaflosigkeit (Symbolfoto)

Kolumne

Schlaflos in Berlin

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Was hindert einen daran einzuschlafen? Ein aufregendes Buch, unverarbeitete Gedanken oder doch der Vollmond?

Ich kann nicht schlafen. Es geht einfach nicht. Was ist los? Kaffee hält mich lange wach, aber seit dem Frühstück am Morgen habe ich keinen mehr getrunken. Jetzt ist es nachts um drei.

In den letzten Stunden habe ich viel nachgedacht, in der Hoffnung, dann irgendwann einzudämmern. Mir fiel bei der Gelegenheit der extrem ungewöhnliche Vorname des Enkels einer Frau ein, mit der ich früher befreundet war. Ich kam auch wieder auf den Namen eines bestimmten Politikers.

Groß, rund und goldgelb

Der Mann war vor Wochen in einem Magazin auf eine – meine Meinung! – besonders höhnische, hochmütige und einseitige Art porträtiert worden, was mein Mitgefühl herausgefordert hatte. Ich erinnerte mich nicht nur an den allgemeinen Eindruck: In tiefer Nacht fielen mir auch die genauen Formulierungen wieder ein.

Vielleicht lag meine Schlaflosigkeit aber nur an dem aufregenden Buch, das ich gelesen habe, bis ich mich sehr müde fühlte und das Licht ausmachte: „Amerikas ungeschriebene Geschichte. Die Schattenseiten der Weltmacht“ des Filmregisseurs Oliver Stone und des Historikers Peter Kuznick.

Es ist eines dieser Bücher, bei dem man sich jeden Satz merken möchte, weil der so klug ist, und doch ahnt man schon, dass es nichts damit werden wird. So ging es mir vor Jahren mit Mark Kurlankys „1968. Das Jahr, das die Welt veränderte“. Kurlansky beschrieb die letzte linke Weltbewegung. Jederzeit abrufbar ist für mich eigentlich nur noch die Information, dass Martin Luther King ein rastloser Fremdgeher war. Immerhin kann ich das gelegentlich in Gespräche einfließen lassen.

Aber ich kann nicht schlafen. Drehung links, Drehung rechts und wieder von vorn. Ich stehe auf und sehe im Computer nach, ob es neue Nachrichten gibt. Ich laufe durch die Wohnung und ziehe das Rollo hoch. Was sehe ich am Himmel? Groß, rund und goldgelb? Vollmond! Natürlich!

Da hätte ich selber drauf kommen können: Vollmond führt bei mir seit ein paar Jahren zur Schlaflosigkeit. Allerdings: Mein Schlafzimmer liegt auf der anderen Seite der Wohnung, alle Fenster sind nachts mit dicken Vorhängen verschlossen. Der Mond kann mich nicht sehen. Ich sehe ihn auch nicht, wieso lässt der mich nicht in Ruhe?

Kolumnen sollen ja möglichst einen Mehrwert haben, eine weitere Dimension. Dieses Mal will ich den Zusammenhang zwischen einem Gestirn und meiner Unfähigkeit zu schlafen recherchieren. Ein Text in „National Geographic“ stellt sich die Frage, ob wir bei Vollmond schlechter schlafen, und antwortet so: „Ja, aber nur, wenn wir an den Einfluss des Mondes glauben. Er selbst ist unschuldig an Schlafstörungen, wie viele wissenschaftliche Studien belegen: Zwischen Mondphase und Schlafqualität besteht kein Zusammenhang.“

Ach? Schlafstörungen in Vollmondnächten folgen nur einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung? Man schläft angeblich schlecht, weil man vorher davon überzeugt war, schlecht zu schlafen, oder sucht eine Erklärung für die schlechte Nacht.

Wie aber erklärt die Wissenschaft folgenden Umstand? Ich hatte doch keine Ahnung, dass draußen Vollmond war, als ich nicht schlafen konnte. Da fehlt die Logik.

Aber ich kann etwas zur Sonne mitteilen: Die steht über den Dächern nun wieder hoch genug, um in mein Fenster zu scheinen. Man sieht sich.

Regine Sylvester ist Autorin.

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