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Massenhühnermogul Wiesenhof mischt mittlerweile auch im Biogeschäft mit.

Marketing

Wer schert sich um Glaubwürdigkeit?

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Viele Firmen erweitern mitunter mit überraschenden Produkten ihr Angebot. Kostproben gefällig? Die Kolumne.

Eigentlich muss man ja gerade als Unternehmer mit der Zeit gehen. So ist es sehr zu bezweifeln, dass – wäre die Firma Nokia bei ihren Ursprüngen geblieben – heute Millionen von Menschen in kleine Gummistiefel sprechen würden. Auch Manni hätte sich mit einer Nähmaschine gewiss weniger cool gefunden als mit einem Opel Manta – selbst mit drangebundenem Fuchsschwanz.

Nestlé könnte mit Milch- und Puddingpulver bedeutend weniger verdienen als mit löslichem Kaffee, Tierfutter und Wasser, zumal sich das als Monopolist in Armutsregionen trefflicher künstlich verknappen und somit profitabler werden lässt als alles andere. Und der gute Dr. Oekter begann mit Backpulver, mittlerweile gehören ihm Schiffe, Brauereien und eine Bank.

Monopolist in Armutsregionen

Die Neuorientierung dauerte freilich bei solchen Traditionsunternehmen etliche Jahrzehnte. Heute geht das schneller. Viele Firmen lassen von Scouts die vermeintliche Nachfrage beim potenziellen Käufer erkunden und schwenken bei Bedarf blitzschnell um, frei nach dem Motto „Was interessiert mich meine Philosophie von gestern?“

So mischt Massenhühnermogul Wiesenhof natürlich mittlerweile auch munter im Biogeschäft mit. Den Vogel allerdings schießt immer wieder die Firma Rügenwälder ab. Sie war seit Menschengedenken für Teewurst bekannt, später für Fleischprodukte verschiedenster Art. Dann versetzte sie selbst die Fachwelt in Erstaunen, als sie sich plötzlich zum Veganismus bekannte und von heute auf morgen eine breite Palette an Viehfreiem auf den Markt brachte. Nun plötzlich kräht es abermals laut aus dem Norden der Republik: Wir machen nun bio!

Ich frage mich halt immer wieder bei solchen Kehrwenden, nicht nur bei Rügenwälder und Wiesenhof: Wenn nun das Biozeug der absolute Clou Eurer Klitschen ist, was ist denn dann mit dem aus normalem Fleisch? Ist das schlechter? Sollen wir das dann nicht mehr kaufen? Und wenn Ihr plötzlich so von Bioprodukten überzeugt seid, warum nehmt ihr dann alle anderen nicht aus dem Sortiment? Das wäre doch konsequent, oder? Oder wirft Konsequenz nicht genug ab?

Bio-, Vegetarier- und Veganermode

Okay. Dann seid doch wenigstens konsequent inkonsequent. Bringt eine weitere Produktreihe auf den Markt: Junk Food. Drecksfressen. Mit allen möglichen chemischen Zusätzen, garantiert aus Gammelfleisch oder wenigstens von Rindern und Schweinen, die mindestens 2000 Kilometer auf klapperigen Lastern quer durch Europa gekarrt wurden. Und von Hühnern, die nie auch nur einen einzigen Sonnenstrahl gesehen haben, geschweige denn einen Wurm. Und mit Puten, die platzen vor Kunstbrust, dann aber fein säuberlich den sommerlichen Blattsalat garnieren.

Vielleicht begründet Ihr damit sogar in gewissen Kreisen einen neuen Hype. Quick and dirty muss es sein, die Idee hat Potenzial. Es muss nur einer anfangen, sagen wir mal in den üblichen verdächtigen Vierteln Berlins, dann rennen bald viele hinterher – ohne zu hinterfragen, versteht sich. Ist doch bei der Bio-, Vegetarier- und Veganermode genauso. Marketing ist da alles, man muss nur den richtigen Dreh finden.

Ganz sicher aber ließe sich mit Junkfood auch noch das letzte Marktsegment besetzen und somit noch ein wenig mehr Umsatz generieren. Das wäre zwar nicht glaubhaft, aber wer schert sich denn noch um sowas?

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