Kolumne

Scheitern einer Gletscherehe

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Wo einst Ötzi unterwegs war, wurde jetzt ein Irrsinnsprojekt begraben. Wintersport könnte sich also doch so entwickeln, dass er nicht schadet.

Der Bestatter brach ihm den Arm, damit er in den Sarg passte. Da war der Tote schon über 5200 Jahre tot. Als man dann die Bedeutung der Gletschermumie erkannte, wurde sie schnell unter dem Kosenamen Ötzi berühmt. Der sensationelle Fund brachte die Ötztaler Alpen überall auf der Welt in die Schlagzeilen.

Weniger Beachtung finden die aktuellen Meldungen, die sich mit dem Ötztal befassen. Der Mann aus dem Eis spielt dabei keine Rolle mehr, sehr wohl aber die Zukunft der Region, in der er zu Tode kam. Denn die Gletscher im Ötztal und Pitztal sollten zu einer riesigen Skiregion zusammengeschlossen werden.

Sogar die Sprengung eines Berggipfels war vorgesehen. Die Bergbahnbetreiber haben die verrückte Idee banalisiert, es handle sich lediglich, man mag es kaum glauben, um die Begradigung einer Gratspitze.

Der Streit um die Umweltverträglichkeitsprüfung des Wahnsinnsprojekts währte Jahre. Nun haben die Befürworter selbst einen Rückzieher gemacht. Die mündliche Verhandlung sollte in diesen Tagen stattfinden, doch jetzt wird sie erst einmal vertagt. Auf unbestimmte Zeit. Das lässt hoffen. Denn das Land Tirol hat festgestellt, dass sich die Situation der Skigebiete und der Gletscher so stark verändert hat, dass die Planungsunterlagen nicht mehr die gegenwärtige Situation abbilden – und dass die Zukunft der Gletscher aufgrund des Klimawandels sowieso fraglich ist. Das Projekt lief einmal unter dem Stichwort Gletscherehe. Das wäre eine Ehe geworden, deren Scheitern feststand, bevor sie geschlossen wurde.

Die Alpenvereine Österreichs und Deutschlands haben mit der Vertagung einen wichtigen Etappensieg errungen auf dem Weg zur Erhaltung eines der letzten wilden Naturräume Europas.

Wenn noch ein paar Jahre ins Land gehen, wird der Sieg endgültig sein. Allerdings wird man ihn nicht richtig feiern können und wollen, denn er wird dem Schwinden der Gletscher zu verdanken sein. Immerhin aber hat dieses absurde Megaprojekt dem Naturraum nicht den letzten Todesstoß versetzen können. Es bleibt die Hoffnung, dass der Klimawandel die eisige Region nicht ganz zunichtemacht. Und dass die Alpenorte umdenken.

Wintersport nur so, dass er der Natur nicht schadet, was für eine schöne Vorstellung! Sommers wie winters die Berge nicht als Kulisse für rücksichtslose Verschandelung, sondern als Erholungsgebiet für Menschen, die intakte Natur genießen wollen.

Führt das in eine wirtschaftliche Katastrophe für die Menschen der Region? Aber keineswegs! Die Tourismusindustrie kann sich neu orientieren, wo sie es nicht ohnehin schon getan hat. Freiwillig oder weil die geänderten Verhältnisse es ihr aufzwingen.

Der kleine Tiroler Ort Erl entwickelt sich zu einem Mekka der Musikwelt, mit Festspielen im Sommer und im Winter, mit Oper, Klassik und Kulinarik. Andere Orte werben mit Sterngucken, Wandern, Ruhe, Hüttenzauber.

Sport, der zerstört, ist in den Alpen schon lange fehl am Platz. Was Ötzi dort oben wollte, bleibt ein Rätsel. Immerhin war er damals umweltschonend unterwegs, zu Fuß, als ihn der tödliche Pfeil von hinten traf.

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