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Wenn wir an Özil unsere Werte durchdeklinieren, dann sollten wir konsequent sein, meint unser Autor.

Rücktritt von Mesut Özil

Scheinheilige Debatte über Özil

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Özil hat es schon wieder getan: Der Fußballer hat sich auf ein Gespräch mit Erdogan eingelassen. Na und? Deutschlands Wohlstand basiert zu einem guten Teil aus Geschäften mit Despoten. Unser Kommentar.

Unterstellen wir dem Fußballer Mesut Özil für einen Augenblick mal Sympathien für den Despoten Erdogan – immerhin hat er gestern den Fehler erneut begangen und ließ sich auf ein Gespräch mit ihm ein. Und nun? Die Debatte darüber, ob ein in Deutschland aufgewachsener Mensch, der westliche Werte verinnerlich haben sollte, sich mit Despoten ablichten oder mit ihnen reden sollte, war, ist und bleibt bigott.

Deutschlands Wohlstand basiert zu einem guten Teil aus Geschäften mit Despoten und auf Ausbeutung: Energie aus Russland, Erze aus Entwicklungsländern, Produktion in Billiglohnländern. Verdrängt ist die millionenschwere Schmiergeldkasse von Siemens; vergessen die Zusammenarbeit von Mercedes und Volkswagen mit der Militärdiktatur in Brasilien und dem Apartheidregime in Südafrika; verschwiegen Ausbeutung vieler Gastarbeiter in Deutschland.

Diese westlichen Werte, die Özil nun verraten haben soll, werden von deutschen Unternehmen oft genug verkauft, wenn der Preis stimmt. Und politisch wird das gedeckt: Kein ausländischer Arbeitnehmer bei einem deutschen Konzern kann hier klagen, wenn er in seiner Heimat auf der Arbeit diskriminiert wird.

Wenn wir an Özil unsere Werte durchdeklinieren, dann sollten wir konsequent sein: Legen wir dieselbe Messlatte, die wir an Bürger mit Zuwanderungsgeschichte anlegen, auch an Deutsche ohne Migrationshintergrund, an Unternehmen und Politiker an. Würden wir dann genauso laut diskutieren?

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