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Den Schatz der Kultur für Europa heben

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Das Kulturerbejahr, das jetzt zu Ende geht, hat der nationalen Abgrenzung das Verbindende in der EU entgegengestellt. Mehr davon täte gut. Der Gastbeitrag.

In Vielfalt geeint – so lautet das Motto der Europäischen Union. Eine Leitidee, die unter Beschuss geraten ist. Denn das Projekt Europa steht unter großem Druck. Unter den Bürgerinnen und Bürgern schüren aktuelle Herausforderungen eine nie dagewesene Unsicherheit über die Notwendigkeit sowie die Effizienz unserer Staatengemeinschaft. Dazu gehören die Uneinigkeit im Umgang mit Migration, das Brexit-Votum, sich verändernde internationale Handelsbeziehungen sowie ein von schweren Konflikten geprägtes globales Umfeld.

Daraus folgen intensive Auseinandersetzungen um das europäische Projekt und leider auch eine zunehmende Rückbesinnung auf das Nationale, das uns Trennende. Diese Entwicklung können wir in vielen EU-Staaten beobachten, sei es in Ungarn, in Polen, in Österreich, in Italien oder in Deutschland. Nationale Traditionen und Identitäten kommen wieder verstärkt in Mode, während Europa und die europäische Idee vielerorts als überholt, elitär und weit vom persönlichen Alltag entfernt wahrgenommen wird.

EU-kritische Kräfte haben erkannt, wie sehr Kultur Menschen emotional berühren kann, und nutzen sie als Aufhänger ihrer politischen Agenda – indem sie Kultur und Traditionen als etwas hervorheben, das uns trenne und unüberbrückbar zu sein scheine.

Ja, Kultur ist das, was uns unterschiedlich macht. Auch deswegen kommt ihr ein so wichtiges identitätsstiftendes Moment zu. Doch Kultur ist gewiss nichts, was uns trennt, sondern sie verbindet: von einem Mitgliedstaat zum anderen, von Land zu Stadt, von der Vergangenheit in die Zukunft.

Mit dem Europäischen Kulturerbejahr, das jetzt zu Ende geht, soll dieser Aspekt Wiedereinzug in die Erzählung über Europa halten. Kultur- und gesellschaftspolitisch war das Kulturerbejahr, besonders vor dem Hintergrund der besorgniserregenden politischen Atmosphäre, daher eine überaus wichtige Initiative.

Einerseits konnten die vielen Veranstaltungen einen wichtigen Beitrag dazu leisten, jedem Einzelnen bewusst zu machen, dass Europa zu uns gehört, dass unsere gemeinsame Geschichte und Kultur direkt vor unseren Haustüren zu finden sind. Auf diese Weise machte das Jahr den Reichtum unseres europäischen Kulturerbes für jedermann erfahrbar und förderte das Interesse an einem gemeinsamen Europa.

Andererseits hat das Jahr die wichtige Rolle, welche Kultur und Kulturerbe für Gesellschaft und Wirtschaft spielen, in den Mittelpunkt politischer Diskussionen gerückt. Dies bleibt dringend notwendig, weil politische Entscheidungsträger in Brüssel wie in den Mitgliedstaaten die Kulturpolitik stiefmütterlich behandeln. Sie unterschätzen, dass erst das Erfahren unserer gemeinsamen Geschichte in Museen, Ausstellungen, Kunst- und Bildungsprojekten eine europäische Identität fördert.

Soll Kultur ihr Potenzial erfolgreich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Europa entfalten, müssen noch etliche Weichen gestellt werden – über das Europäische Kulturerbejahr hinaus. Es muss endlich gelingen, Kulturpolitik inklusiver zu gestalten und Menschen, egal welcher sozialer Herkunft, den Zugang zu Kultur zu erleichtern – und damit meine ich nicht nur Hochkultur.

Ein erster wichtiger Schritt wäre, die Teilnahme an kulturellen Angeboten günstiger zu gestalten, damit alle Menschen unabhängig von ihren Einkünften kulturelle Angebote wahrnehmen können. Wenn es um den Zugang zu Kultur geht, sollte verstärkt ein Augenmerk auf die ländlichen Regionen gelegt werden. Denn während Kulturangebote wie Theater und Kinos nicht so einfach in die Dörfer gebracht werden können, bestünde eine solche Barriere bei Onlineangeboten zumindest dann nicht, wenn die nötigen Investitionen in den Breitbandausbau getätigt würden.

Darüber hinaus muss die kulturelle Bildung als integraler Bestandteil unserer Bildungssysteme – vom Kindergarten bis zu den Schulen und Hochschulen – etabliert werden. Geisteswissenschaften und künstlerischer Fachunterricht werden durch ein immer stärker an Wirtschaftsinteressen ausgerichtetes Bildungssystem eingedampft. Dem müssen wir uns entschieden entgegenstellen. Kreatives und kritisches Denken sind genauso bedeutend für das Reüssieren junger Menschen im Alltag wie Mathe und Co.

Zugleich müssen kleinere Kulturakteure mehr Unterstützung erhalten. Denn sie heben einen Großteil des Potenzials von Kultur. Gerade sie sind es, die im Lokalen wirken und so die volle gesellschaftsintegrative Kraft von Kultur entfalten können.

Es bleibt viel zu tun, damit das Motto der EU auch in Zukunft noch sinnstiftend ist. Ein klares Bekenntnis aller EU-Kulturministerinnen und -minister zu mehr nationalen Anstrengungen und mehr europäischer Kooperation ist notwendig, damit wir auch in Zukunft „in Vielfalt geeint“ sind.

Petra Kammerevert (SPD) leitet den Kulturausschuss im Europäischen Parlament.

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