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Der Schatten des arabischen Frühlings

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Von: Julia Gerlach

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Das Wandbild des Künstlers Omar: Die Regierung ließ es mehrfach übermalen.
Das Wandbild des Künstlers Omar: Die Regierung ließ es mehrfach übermalen. © dapd

Ägypten ist gespalten in Revolutionäre und traditionelle Machtpolitiker. Dabei entsteht der Eindruck, dass es zwar eine neue Regierung gibt. Doch die Islamisten erzeugen den Eindruck, dass sie nicht viel besser sind, als der Militärrat.

Ein Jahr ist es her, dass in Kairo heftige Kämpfe rund um den Tahrir-Platz ausbrachen. Demonstranten und Sicherheitskräfte lieferten sich eine Straßenschlacht, die mehrere Tage und Nächte andauerte. Als endlich wieder Ruhe einkehrte, hatte sich Ägypten verändert. Das Land begann sich zu spalten: in Revolutionäre und traditionelle Machtpolitiker.

„Die Auseinandersetzungen in der Mohammed Mahmoud Straße haben sehr stark das Bild der Menschen von der damaligen Militärregierung beeinflusst. Auch das Ansehen der politischen Parteien, die sich nicht an den Auseinandersetzungen beteiligten, verschlechterte sich. Die Muslimbruderschaft geriet heftig in die Kritik, weil sie die strategische Entscheidung getroffen hatte, sich von den Kämpfen fernzuhalten. Sie konzentrierten sich auf die anstehenden Wahlen, die am 28. November 2011 beginnen sollten“, so die englische Ausgabe der halbamtlichen Zeitung Al Ahram.

Der bekannte Aktivist Mahmoud Salem alias Sandmonkey blickt voller Trauer und Selbstkritik zurück. Die Kämpfe in der Mohammed Mahmoud Straße machten für ihn die Schwäche der revolutionären Bewegung deutlich: „Wir hatten eine Intelligenzia, der wir folgten und sie führte uns von Nebenschauplatz zu Nebenschauplatz, wo wir unsere Energie verpulverten. (...) Sie hatten gewonnen, Mubarak war besiegt und sie protestierten immer noch, stellten Forderungen, statt zu regieren, wie Gewinner es tun.“

Allerdings sind es nicht nur die Zeitungen, TV-Sender und Internetblogs, die über die Kämpfe berichten und sie kommentieren. In der Mohammed Mahmoud Straße erinnern Graffiti an die Toten der Kämpfe. Manche von ihnen tragen Flügel, scheinen als Engel in den Himmel zu schweben, andere werden von ihren Müttern gehalten. „Wir werden euch nie vergessen, und euer Tod ist unser Auftrag!“, steht in großen Lettern unter ihnen. Schließlich, so die Botschaft, leiden nicht nur die „Märtyrer“, sondern auch die Hinterbliebenen.

Das wohl bekannteste Wandbild stammt vom Aktionskünstler Omar. Es zeigt ein Porträt. Die eine Hälfte des Gesichts trägt die Züge von Hosni Mubarak, die andere gleicht dem Chef der Militärregierung Mohammed Hussein Tantawi. Omar malte es bereits kurz nach dem Sturz Mubaraks, doch nie blieb es lange. Immer wieder kamen nachts die Malertruppen der Regierung. Kaum waren sie fertig, kehrten die Graffiti-Künstler zurück. Viele Male. Und jedes Mal wurde die Botschaften böser. Zuletzt wurde die Wand vor einigen Wochen gestrichen.

Die Regierung von Mohammed Mursi wird sich immer noch darüber ärgern, dass sie sich dazu hinreißen ließ. Bis dahin war die Mauer voll mit bösen Attacken auf die Militärs, doch die Maleraktion schaffte Platz für neue Kritik, und natürlich richtet sich diese gegen die Regierung und die Islamisten. So hat die Mubarak-Tantawi-Fratze einen Schatten bekommen – Mohammed Badia, den Führer der Muslimbruderschaft. Die Botschaft: Es hat sich nichts geändert.

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