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Gastbeitrag

Schande der Textilindustrie

Ein Jahr nach dem Brand in einer Kleiderfabrik in Bangladesch müssen C&A, Kik und Co endlich handeln. Ein Gastbeitrag von Uwe Kekeritz und Miriam Saage-Maaß.

An diesem Sonntag jährt sich der Brand in der Tazreen-Fabrik in Bangladesch zum ersten Mal. Damals starben 112 Menschen in den Flammen. Mehr als 300 wurden zum Teil schwer verletzt. Besonders tragisch: Die Katastrophe hätte verhindert werden können. Jedoch waren Fluchtwege versperrt und Feuerlöscher konnten nicht bedient werden. Manche Näherinnen und Näher wurden gar in den Produktionsräumen eingeschlossen und so an der Flucht gehindert. Die Tragödie zerstörte Hunderte Familien, unzählige Menschen leiden bis heute an schweren körperlichen Verletzungen und Traumata.

Die Katastrophe hat wieder einmal die verheerenden Zustände in der Textilindustrie Bangladeschs bestätigt. Seit vielen Jahren gibt es Brände, Explosionen und Fabrikeinstürze mit Tausenden Toten und Schwerverletzten. Ihren traurigen Höhepunkt erreichten diese Entwicklungen im vergangenen April, als beim Einsturz der Rana-Plaza-Textilfabrik mehr als 1200 Menschen ums Leben kamen. Die Fabrikbetreiber vor Ort beachten kaum Sicherheitsvorschriften und so werden Fabrikgebäude immer wieder zu Todesfallen. Dies war und ist den Unternehmen, die dort produzieren lassen, allgemein bekannt – daher tragen sie eine große Mitverantwortung.

Weltweiter Aufschrei

Die Katastrophen führten zu einem weltweiten Aufschrei und massiver Kritik an den Zuständen in der globalen Zulieferkette der Textilbranche. Westliche Unternehmen, die in Bangladesch produzieren ließen, reagierten aufgrund des starken öffentlichen Drucks: Ein Brandschutzabkommen, das zuvor monatelang boykottiert worden war, wurde unterzeichnet. Die Konzerne gelobten, einen Beitrag zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu leisten. Auch die Regierung Bangladeschs kündigte Maßnahmen an, um die Missstände zu beseitigen. Gleichzeitig stellten die Verbraucher kritische Fragen. Für einige Wochen schien es, als zögen alle an einem Strang, um die Zustände in Bangladesch und an anderen Billigproduktionsstandorten zu verbessern.

Heute ist Ernüchterung eingekehrt: Von der Empörung ist wenig geblieben, substanzielle Verbesserungen sind kaum erkennbar. Es scheint, als habe die Macht des Vergessens gesiegt. Bei den Entschädigungsverhandlungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) für die Opfer der Tragödien in der Tazreen- und in der Rana-Plaza-Fabrik blieben im Falle Tazreen 11 der 14 betroffenen Textilunternehmen den Verhandlungen fern – unter ihnen Großkonzerne wie Dickies, Disney’s und Walmart. Dieses Desinteresse an den Belangen der Arbeiterinnen und Arbeiter ist eine Schande. Eine angemessene Entschädigung der Opfer rückt in weite Ferne.

Auch die Verbesserungen der Arbeitsumstände kommen nur schleppend voran. Zwar wurde der gesetzliche Mindestlohn von circa 30 auf 51 Euro erhöht; aber dies ging nicht etwa auf die Initiative der internationalen Unternehmen zurück. Tagelange Streiks der ArbeiterInnen in Bangladesch erreichten es. Die Erhöhung reicht jedoch nicht einmal aus, um mit der dortigen Preissteigerung Schritt zu halten. Für ein menschenwürdiges Dasein wäre rund das Dreifache nötig. Die Unternehmen könnten einen solchen living-wage problemlos bezahlen. Zwar bemüht sich die Regierung Bangladeschs angeblich um Reformen in Bezug auf die Gewerkschaftsfreiheit und die Überprüfung von Sicherheitsstandards, allerdings wurden diese bislang noch kaum umgesetzt.

Es bleibt viel zu tun

Nach dem Brand in der Tazreen-Fabrik haben wir eine Beschwerde bei der Nationalen Kontaktstelle der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) gegen die deutschen Unternehmen C&A, Karl Rieker und KiK eingereicht. Ziel ist es, die Unternehmen zur Verantwortung zu ziehen, sie dazu zu bewegen, genau darzulegen, was sie getan haben, um die Katastrophen zu verhindern und was sie hätten besser machen müssen. So wollen wir Verbesserungen der Arbeitsbedingungen in den Fabriken erreichen. Die Beteiligung von C&A wird vor der brasilianischen Nationalen Kontaktstelle verhandelt, da C&A Brasilien die besagten Aufträge platzierte. Die Beschwerde gegen Karl Rieker und KiK in Deutschland wurde inzwischen angenommen.

Anfang 2014 werden wir mit den beiden Unternehmen besprechen, wie sie in Zukunft ihrer Verantwortung besser gerecht werden können. Für die deutsche Kontaktstelle ist das Verfahren zudem eine Möglichkeit unter Beweis zu stellen, dass sie als Anlaufstelle für die Opfer von Menschenrechtsverletzungen transnationaler Unternehmen ernst zu nehmen ist.

Für alle Beteiligten bleibt viel zu tun. Die Regierung Bangladeschs muss die Bevölkerung endlich effektiv vor Ausbeutung schützen, Unternehmen müssen lernen, dass sich faire Arbeitsbedingungen lohnen – und die Verbraucher müssen einsehen, dass Kleidung ihren Preis hat.

Uwe Kekeritz sitzt für die Grünen im Bundestag und ist Mitglied des Ausschusses für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Im Mai 2013 reichte er mit Beratung der Menschenrechtsorganisationen ECCHR (European Center for Constitutional and Human Rights) und von Medico International Beschwerde bei der Nationalen Kontaktstelle der OECD gegen C&A, KiK und Karl Rieker ein. Miriam Saage-Maaß ist Rechtsanwältin und stellvertretende Chefjuristin bei der Menschenrechtsorganisation ECCHR. Dort koordiniert sie das Programm Wirtschaft und Menschenrechte. In dieser Funktion leitete sie verschiedene Verfahren gegen Textilunternehmen, die in Bangladesch und Pakistan unter ausbeuterischen Verhältnissen produzieren ließen.

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