Hattie McDaniel als Mammy im Film „Vom Winde verweht“. Für ihre Rolle bekam sie den Oscar als beste Nebendarstellerin.
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Hattie McDaniel als Mammy im Film „Vom Winde verweht“. Für ihre Rolle bekam sie den Oscar als beste Nebendarstellerin.

Kolumne

Das Schaltjahr und der Oscar

  • vonManfred Niekisch
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Der 29. Februar hat so einige Besonderheiten, eignet sich aber nur bedingt als Gedenktag für die Gleichberechtigung und gegen Rassismus.

Sie war eine treue Sklavin und avancierte später zur Hausangestellten. Für diese Rolle als Mammy erhielt die Schauspielerin Hattie McDaniel auf den Tag genau vor 80 Jahren den Oscar. Das ist in doppelter Hinsicht bemerkenswert. Zum einen war es das erste Mal, dass eine afro-amerikanische Künstlerin diese Auszeichnung erhielt. Zwar nur als Nebendarstellerin, aber immerhin als die beste, und das in dem Film „Vom Winde verweht“, der insgesamt gleich acht Oscars und zwei Ehren-Oscars abräumte.

Zum anderen war dieser Tag auch datumsmäßig etwas Besonderes, nämlich der 29. Februar. Und der fand bekanntlich schon damals nur jedes Schaltjahr, also alle 4 Jahre statt. Wenn an diesem Tag Geborene trotzdem jedes Jahr Geburtstag feiern wollen, bietet ihnen der deutsche Gesetzgeber im Bürgerlichen Gesetzbuch außerhalb der Schaltjahre als Ersatz den 1. März an. Wer sehr konsequent ist, hätte in 72 Lebensjahren nur 18mal Gelegenheit, seinen exakten Geburtstag mit Sekt zu begießen.

Eine Minderheit in Deutschland: Am 29. Februar Geborene

Am 29. Februar geborene Menschen stellen in Deutschland eine winzige Minderheit dar, ihr Anteil an der Bevölkerung bewegt sich prozentmäßig irgendwo auf der zweiten Stelle hinter dem Komma, nullkommanullsieben etwa. Erfreulich, aber nicht wirklich erstaunlich, dass diese Minderheit keinerlei Diskriminierung durch Mehrheiten ausgesetzt zu sein scheint. Niemand hasst sie, warum auch.

Derzeit ist es eher umgekehrt. Nicht die Mehrheit der Bevölkerung diskriminiert Andere und sät Hass. Es ist eine Minderheit, welche die demokratische Stimmung verdirbt, andere diskriminiert und Hass verbreitet. Leider nicht mit einem Prozentanteil von nur Nullkommanullirgendwas, sondern in Hamburg gerade mit Fünfkommairgendwas.

Rassismus ist immer da, nicht nur alle vier Jahre

Und dem Ruf deutscher Präzisionsarbeit ist in Hamburg gleichzeitig ein ziemlicher Schlag versetzt worden. Verschwundene Wahlzettel, falsche Zuordnung von Stimmen, Schlamperei bei der Auszählung. Nehmen wir einmal an, Afghanistan hätte ein paar Wahlbeobachter nach Hamburg geschickt. Was würden die dazu vermelden? Wahrscheinlich wird diese peinliche Panne, die schlussendlich geheilt werden konnte, in Kürze ganz vergessen sein, einfach vom Winde verweht.

Was gibt es nicht alles für Gedenktage! Den Tag des Buches, des Deutschen Brotes, des Baumes, des Schachtelsatzes, des Regenwurmes und der hausgemachten Suppe. Da könnte ein Tag des Hattie-Oscars doch an das wirklich denkwürdige Ereignis erinnern, als wieder ein Stückchen Diskriminierung und Rassismus überwunden schien. Allerdings wurde Hattie McDaniel damals mit ihrem ebenfalls afro-amerikanischen Begleiter bei der feierlichen Zeremonie am sprichwörtlichen Katzentisch platziert, abseits der anderen Oscar-Aspiranten. Man wollte es wohl nicht gleich übertreiben mit der Gleichberechtigung. Bei solchen Glamour-Veranstaltungen ist Rassismus heute kaum mehr spürbar. Das kann jedoch kaum trösten, denn er spukt noch immer in vielen Köpfen und manifestiert sich gewaltsam auf der Straße. Dauernd, nicht nur alle vier Jahre.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Zoodirektor.

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