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Tor oder kein Tor? Wembley 1966.

Fußball

Schafft den Videobeweis ab

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Befreit den Fußball vom Anspruch der Verwissenschaftlichung! Er ist ein Spiel und das Ungerechte ein Teil seiner magischen Wirkung. Die Kolumne.

Stellen Sie sich vor, es ist der 30. Juli 1966. Im Londoner Wembley-Stadion läuft die 101. Minute in der Verlängerung des WM-Finales zwischen England und Deutschland. Geoff Hurst nimmt einen Pass von der rechten Seite auf und knallt den Ball unter die Latte des deutschen Tors. Die Kugel springt auf die Torlinie, ein Verteidiger köpft ihn ins Aus. Verhaltener Jubel im Stadion, das 3:2 für England.

Der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst hebt die Hand und lässt sich per Kopfhörer vom Videoassistenten über die Szene aufklären. Er läuft zum Monitor, der seitlich des Spielfelds steht, und beobachtet die Situation in der Wiederholung auf dem Bildschirm. Zwei Minuten vergehen, er lässt den Videobeweis gelten. Dann weist er zur Eckfahne: kein Tor, Eckball für England. Den fangen die Deutschen souverän ab, starten einen Konter und erzielen das 3:2. Deutschland ist Weltmeister.

So war es natürlich nicht an diesem Nachmittag in Wembley. Dienst befragte den Linienrichter, der nickte, der vermeintliche Treffer wurde gegeben, England siegte am Ende. In nahezu allen Einstellungen der strittigen Szene wurde später sichtbar, dass das eine Fehlentscheidung war. Der Ball sprang von der Querlatte auf die Torlinie, überschritt sie aber nicht. Englands WM-Sieg war das Resultat eines Schiedsrichterirrtums. Das Wembley-Tor wurde ein Mythos, ein Sinnbild für die Ungerechtigkeit, die es im Sport geben kann.

Seit Beginn dieser Saison setzt man in der Bundesliga bei unklaren Szenen den Videobeweis ein. Zwischen August und Dezember 2017 wurde in 1041 Fällen eine Schiedsrichterentscheidung durch die Intervention des Videoassistenten überprüft, in 45 Fällen wurde sie korrigiert.

Der Fußball wird tiefgreifend verändert. Wer im Stadion sitzt, kann nur selten verstehen, was gerade geschieht, wenn der Schiedsrichter das Spiel unterbricht, da auf der Anzeigentafel des Stadions keine Wiederholung der jeweils strittigen Szene erscheint. Das Medium hat vom Spiel Besitz ergriffen, die Fernsehaufzeichnung gerät zum Tribunal, bei dem das mediale Bild den Ausschlag gibt.

Im Grunde ist das eine wissenschaftliche Konstellation: Entscheidungen bereitet man durch Deutungen empirischer Daten vor. Nicht mehr die spontane Festlegung auf eine konkrete Auffassung, sondern die abwägende Interpretation visueller Indizien bestimmt den weiteren Spielverlauf.

Das ist in mehrfacher Hinsicht ungut. Grundsätzlich schützt das neue Verfahren keineswegs vor Fehlentscheidungen. Es kann in jedem Spiel Konstellationen geben, in denen eine eindeutige Auslegung unmöglich ist. Dann trägt auch das Betrachten der Videosequenzen nichts zu einer Entscheidungsfindung bei. Vor allem kostet das Heran-ziehen des Videobeweises Zeit, die Dynamik des Fußballs leidet teils erheblich.

Der Fußball ist schön, weil er einer antiken Tragödie gleicht. In ihr gibt es weder das ganz Gute noch das ganz Schlechte. Alles Glück ist hier auf Zeit geliehen, und die absolute Gerechtigkeit enthalten uns die Götter vor. Zum Fußball gehören daher auch die unfairen Siege, die falschen Niederlagen, die Tore von Wembley und das Leiden der scheiternden Helden.

Schafft den Videobeweis wieder ab und befreit den Fußball vom Anspruch der Verwissenschaftlichung! Denn er ist ein Spiel und das Ungerechte ein Teil seiner magischen Wirkung.

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