+
Ein Asylbewerber aus Somalia, der zuvor als Schweißer ausgebildet wurde, arbeitet in einer Firma an einem Stahlsegment.

Leitartikel

Wir schaffen es

  • schließen

Sorgen Flüchtlinge in Deutschland für ein Wirtschaftswunder? Oder vergrößern sie nur die Zahl der Arbeitslosen? Für Euphorie gibt es keinen Grund, aber wir erleben eine Erfolgsgeschichte.

Plötzlich waren sie da, Hunderttausende Flüchtlinge. Deutschland war das Land ihrer Träume. Es bis hierher geschafft zu haben, versprach neben Sicherheit auch die Aussicht auf ein Leben mit mehr Wohlstand als dort, von wo sie sich aufgemacht hatten.

Von Anfang an stellte sich die Frage, was das alles für Arbeitsmarkt und Sozialstaat in Deutschland bedeuten würde. Von Anfang an gab es in dieser Frage die Skeptiker und die Optimisten. Und so ist es noch heute.

Zu denjenigen, die zunächst geradezu euphorisch reagierten, gehörten ausgerechnet die Bosse großer Konzerne. Da schwärmte Daimler-Chef Dieter Zetsche, die Zuwanderung von Geflüchteten könne die Basis für „das nächste deutsche Wirtschaftswunder“ sein. Oder Post-Chef Frank Appel, der meinte, die Flüchtlingshilfe, die heute geleistet werde, stelle keine verlorenen Kosten dar, sondern eine langfristige Investition in die Zukunft des Wirtschaftsstandorts. Das war die Stimmung, damals im Frühherbst 2015. Sie hielt nicht lange an.

Die Bilanz kann sich sehen lassen

Willkommenskultur und Euphorie wichen der Ernüchterung: Es waren eben nicht nur der Arzt aus Aleppo oder der versierte Handwerker aus dem Irak gekommen, sondern auch viele Analphabeten und jede Menge Ungelernte. Sie zu integrieren und in Arbeit zu bringen, noch dazu in überschaubarer Zeit, erschien selbst wohlmeinenden Experten als aussichtslos. Es fehlte an Sprachkursen. Und die Hartz-IV-Quote bei Flüchtlingen schnellte in die Höhe.

Heute lässt sich sagen: Weder die Schwarzmaler noch die Schönfärber haben recht behalten. Doch die Bilanz kann sich durchaus sehen lassen. Die gewaltige Kraftanstrengung der zurückliegenden drei Jahre – geleistet nicht unbedingt von den Konzernen, sondern eher von kleinen und mittleren Betrieben – hat sich gelohnt.

Mehr als 350 000 Flüchtlinge haben bereits einen Job oder sind in Ausbildung. Das ist deutlich mehr als erwartet. Wenn Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer nun erklärt, Angela Merkel habe mit ihrem „Wir schaffen das“ richtig gelegen, hat er recht. Es ist viel geschafft worden. Und die Chancen, dass noch mehr geschafft wird, stehen gut.

Integration ist aber kein Selbstläufer, sondern sie bedeutet harte Arbeit für alle Beteiligten, immer verbunden mit der Gefahr des Scheiterns. Inzwischen gibt es auch Geschichten von Lehrlingen, die nicht am Ball bleiben, die ihre Ausbildung abbrechen, sobald es schwierig wird. Geschichten von Überforderung und von durchaus wohlwollenden Arbeitgebern, die über mangelnde Zuverlässigkeit und Disziplin enttäuscht sind.

Zur Realität gehört allerdings auch, dass die Erwerbslosigkeit von Flüchtlingen inzwischen in nicht wenigen Jobcenter-Bezirken rascher sinkt als die von Deutschen ohne Migrationshintergrund. Das alles wird von einer Arbeitsmarktlage begünstigt, die kaum besser sein könnte. Hilfreich war auch, dass das Gros der Flüchtlinge jünger war als 30 Jahre – eine Lebensphase, in der man sich leichter damit tut, eine neue Sprache zu lernen.

Deutschland im Jahr 2018 ist ein Land, in dem der Mangel an qualifizierten Beschäftigten zur Wachstumsbremse geworden ist. Dabei geht es längst nicht nur um Top-Forscher und IT-Experten. Die Autowerkstatt um die Ecke, der mittelständische Metallbauer oder der Malermeister in der Kleinstadt – sie alle haben Mühe, gute Nachwuchskräfte zu finden. Ist es ihnen gelungen, empfinden sie es als Zumutung, wenn die Ausländerbehörde plötzlich doch den Abschiebebescheid zustellen lässt. 

Der Frust darüber ist berechtigt. Diejenigen, die jetzt im Land sind, mit Job oder Ausbildungsplatz, haben es verdient, hier in Deutschland zu bleiben. Ganz offensichtlich werden sie gebraucht. 

Was im Jahr 2015/16 geschah, das war ungesteuerte Zuwanderung, von der Kanzlerin zugelassen vor allem aus dem Beweggrund der Humanität. Es ist eine Illusion gewesen, dass Deutschland mit so vielen Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkt das Fachkräfteproblem lösen könne. 

Dazu wäre weit mehr erforderlich, zum Beispiel Steuerung oder gezieltes Werben. Das Zuwanderungsgesetz der großen Koalition, das eigentlich nächste Woche vom Kabinett auf den Weg gebracht werden soll, ist da zumindest ein Schritt in die richtige Richtung.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare