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Julia Klöckner stellt die Kriterien des Tierwohlkennzeichens her. Alles nur eine Mogelpackung?

Tierwohl-Label

Julia Klöckners  Mogelpackung

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Ein neues Tierwohl-Label bringt den Schweinen wenig. Statt dessen verwirrt es die Verbraucher. Die Kolumne. 

Ein skeptischer Mensch könnte den Eindruck gewinnen, das neue Tierwohl-Label aus dem Bundesministerium für Landwirtschaft sei ein mehr oder minder geschicktes Ablenkungsmanöver, um eine wirksame rechtliche Regelung zu verhindern. Dabei hat Frau Ministerin selbst ganz laut die Glocken geläutet, um die Öffentlichkeit auf ihr neuestes Produkt aufmerksam zu machen. Ein dreistufiges Kennzeichnungssystem für Tierwohl, das klingt doch sehr gut. Allzu lange braucht man aber nicht, um herauszufinden, dass hier doch eine ziemliche Mogelpackung auf den Tisch kommt.

Prämien sollen die Schweinezüchter

Zum ersten gilt das Label nicht für Rinder und all die anderen unfreiwilligen Fleischlieferanten, sondern nur für Schweine. Also nur Schweinewohl, nicht Tierwohl. Einverstanden, die Schweine haben es besonders nötig, aus den engen Ställen und dem Stress der Massentierhaltung befreit zu werden.

Sie sollten nicht länger erleiden müssen, dass ihnen die Eckzähne abgefeilt und die Schwänze kupiert werden und dass männliche Jungtiere ohne Narkose kastriert werden. Doch all das besagt das Label in der ersten, untersten Stufe gar nicht. Nur unbedeutend mehr Platz pro Schwein, lächerlich wenig, sonst bringt diese Kategorie praktisch nichts. Erst in der Stufe 3 des Labels kann man von spürbaren Verbesserungen sprechen. Prämien sollen die Schweinezüchter aber schon ab Stufe 1 bekommen. Wofür eigentlich?

Verbraucher verlieren den Überblick

Zweitens ist das neue Label freiwillig. Schön, so ganz ohne gesetzliche Zwänge. Man kann mitmachen, muss aber nicht. Dann könnten wir Tempo 50 in der Stadt auch der Entscheidung des Autofahrers überlassen und rote Ampeln könnten als gutgemeinte Empfehlung verstanden werden, ganz zwanglos. Die armen Schweine haben endlich mehr rechtlichen Schutz verdient. Unsere Hunderassen wurden zum treuesten Freund des Menschen herangezüchtet, Schweine nur zur Fleischproduktion. Dennoch sind sie intelligente und soziale Tiere geblieben. Eigentlich erstaunlich. Artgerecht gehaltene Ferkel spielen miteinander, die Muttersau kümmert sich fürsorglich um sie. Das ist in der Massenhaltung unmöglich, ob mit oder ohne Label. Teilweise haben Supermarktketten das Ministerium bereits überholt mit eigenen, besseren Labels.

Und da sind wir beim dritten großen Geburtsfehler des Labels aus dem Ministerium. Es gibt schon so viele Kennzeichnungen und Aufkleber mit je ganz unterschiedlichen Kriterien und Aussagen, dass der Verbraucher kaum den Überblick behalten kann. Ist das Durcheinander gewollt? Es ist höchste Zeit für ein einheitliches, verbindliches und aussagekräftiges Zertifizierungssystem. Die Politik ist in der Pflicht. Biobauern machen bereits vor, wie man Schweine richtig hält.

Herumnörgelnde Tierschützer

Die Markierung der Hühnereier hat gezeigt, dass es marktfähige Verfahren gibt, die jedem Verbraucher Orientierung geben. Damit hat es jeder in der Hand, tierfreundlich zu kaufen. Oder sich dagegen zu entscheiden.

Übrigens kritisieren manche Landwirtschaftsminister der Länder, dass sie an der Entwicklung der Kriterien für die drei Stufen des Tierwohl-Labels nicht beteiligt waren und nicht nur Tierärzte fragen sich, wer das wie kontrollieren soll. Es sind also nicht nur immer diese Tierschützer, die herumnörgeln. In der Tat kann es so mit der Massen-Fleischproduktion nicht weitergehen. Wir brauchen endlich eine im besten Wortsinne saumäßig gute Tierhaltung.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Zoodirektor.

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