Leitartikel

Sauberer Strom bitte

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Deutschland macht beim Kohleausstieg den zweiten Schritt vor dem ersten. Die Politik muss jetzt endlich alle Weichen für eine Energiewende stellen, die diesen Namen auch verdient.

Was lange währt, wird endlich gut? Von wegen. Beim deutschen Kohleausstieg bewahrheitet sich gerade das Gegenteil. Seit einem Jahr schon ringen Politiker, Konzernlenker, Gewerkschafter und Umweltschützer um die Frage, zu welchem Zeitpunkt welcher Kraftwerksblock vom Netz geht und welche Entschädigungsleistungen den Betreibern, Belegschaften und Regionen gezahlt werden sollen. Zweifellos sind das alles wichtige Fragen. Über die wichtigste aber wird im Moment am wenigsten gesprochen: Wo soll der durch den Kohleausstieg wegfallende Strom denn bitte schön herkommen?

Aus erneuerbaren Quellen, klar, soweit herrscht zwischen den handelnden Akteuren Einigkeit. Aber aus welchen? Windräder will kaum noch jemand vor seiner Tür haben, Offshore-Windparks sind ein Problem für Schweinswale und andere Bewohner des Wattenmeeres, Solarpanele gelten wahlweise als hässlich oder teuer, Biomasse steht in Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion und trägt zur biologischen Verödung ganzer Landstriche bei, die Wasserkraft ist in Deutschland schon aus Gründen der Geografie weitgehend ausgereizt.

Trotzdem muss die Frage beantwortet werden, wie eine Industrienation ohne Kohle- und Kernkraft ihre Energieversorgung sicherstellen will. Und zwar nicht irgendwann in ferner Zukunft, sondern jetzt.

Es ist eine simple Rechnung: Energie aus Braun- und Steinkohle mag hierzulande auf dem Rückzug sein, sie macht aber immer noch gut ein Viertel der deutschen Stromerzeugung aus. Die Kernenergie liefert weitere 13 Prozent am Strommix. Zusammen bewegen sich die zum Tode verurteilten Energieträger damit etwa auf dem gleichen Niveau wie Windkraft und Solarenergie.

Das Ergebnis liegt auf der Hand: Die bereits installierte Leistung an Wind- und Solaranlagen muss bis 2038 ein weiteres Mal installiert werden, wenn Deutschland an seinen ehrgeizigen Klimazielen festhalten will. Mindestens.

Berücksichtigt man darüber hinaus, dass der Stromverbrauch angesichts zunehmender Elektromobilität eher steigen als sinken wird, und dass angesichts der hohen Volatilität erneuerbarer Energien (nicht immer scheint die Sonne, nicht immer weht der Wind) ein gewisser Puffer unabdingbar sein wird, muss die Erzeugung von Ökostrom in den nächsten 18 Jahren eher verdreifacht als verdoppelt werden. Und das von manchen Klimaschützern bereits geforderte Ende der Verstromung von Erdgas ist in dieser Rechnung noch gar nicht enthalten.

Anders ausgedrückt: Die zu Recht häufig als Jahrhundertaufgabe beschriebene Energiewende besteht nicht in erster Linie darin, Kraftwerksbetreiber, Kohlekumpel und Bundesländer mit Milliardenzahlungen stillzuhalten – zumal Geld allein in den seltensten Fällen neue Jobs schafft. Die eigentliche Aufgabe besteht darin, allen anderen Deutschen zu erklären, dass die Energiewende auch für sie schmerzhafte Folgen haben wird. Entweder, weil sie als Anwohner von der Ökostrom-Produktion betroffen sein werden, oder weil sie dessen höhere Preise und Gebühren als Verbraucher bezahlen müssen.

Diesen Schritt aber scheut die Politik bislang, wie der nicht enden wollende Streit um die Abstandsregelung zwischen Windparks und Wohnbebauung oder das zähe Ringen um die eigentlich schon beschlossene Abschaffung der Deckelung des Sonnenstrom-Ausbaus zeigen.

Deutschland macht beim Kohleausstieg den zweiten Schritt vor dem ersten: Anstatt zunächst zu klären, wie der Ausbau erneuerbarer Energien wieder angekurbelt und vor allem bezahlt werden soll, redet die Regierung erst Mal über Abschaltdaten für konventionelle Kraftwerke. Sie agiert damit wie ein Autofahrer, der sein altes Gefährt verkauft, noch bevor das neue vor der Haustür steht.

Im privaten Leben würde wohl kaum jemand so handeln, in der Politik immerhin kann das Schaffen neuer Probleme eine Strategie sein, um den für Veränderungen notwendigen Druck aufrechtzuhalten. Besonders klug ist dieser Strategie allerdings nicht, zumal sie von Unehrlichkeit, Angst und auch Verzweiflung geprägt ist. Nichts von alledem ist ein guter Ratgeber. Weder im Privatleben, noch in der Politik. 

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