Kolumne

Die Sache mit der Fremdnudel

  • schließen

Alle suchen nach dem neuesten Kick beim Kochen. Mein Tipp: Jedes Nudelgericht wird durch einen einzigen Fremdling zu einem Highlight.

Eigentlich veröffentliche ich an dieser Stelle ja keine Kochrezepte. Welt und Wetter geraten aus den Fugen, wie wichtig sind dem gemeinen Bürger da noch Essen und Trinken? Sehr.

Auf Fernsehpreisverleihungen und Buchmessen sieht man mehr Köche als Schauspieler und Autoren, die Küchen der Leute sind bald teurer als ihre Autos, und gäbe es in Wahllokalen Spargel, läge die Wahlbeteiligung bei 98 Prozent.

Die Fresserei suggeriert Wohlstand für alle, denn selbst die billigsten Discounterklitschen verramschen einstige Luxusschmankerl wie Krabben, Rinderfilets, Räucherlachs, Gänsebrüste, Champagner, Büffelmozzarella und belgische Pralinen. Blühende Landschaften in deutschen Verdauungstrakten, denkt das Gedärm.

Der Kopf hingegen, so er ein klarer wäre, müsste erkennen: die weltweit operierenden Massenverpflegungskonzerne gaukeln uns eine klassenlose Gesellschaft vor, in der alles für alle zu haben ist. In Wahrheit aber haben die ganz Armen nahezu gar nichts mehr zu fressen, während die ganz Reichen oft Veganer sind oder so dekadent, dass sie sich von einem Schmalzbrot in Verzückung versetzen lassen.

Und die dazwischen werden mit vermeintlichem Edelfutter abgespeist, das in gigantischen Mengen zulasten der Bevölkerung in den Produktionsländern, der Umwelt und des gesunden Menschenverstands hergestellt wird. Wie geht der Wahn weiter? Food Hunter sind schon lange weltweit unterwegs, um auch noch im letzten Zipfel der Erde etwas Essbares zu ergründeln, das sie in der sogenannten Ersten Welt zum Hype erklären können. Jüngster heißer Scheiß war ein Gericht aus Peru. Ceviche, roher Fisch mit Zitronensaft, ein thing to eat, das aber so langsam schon wieder Kram von gestern ist. Mal sehen, was als Nächstes kommt.

Ich persönlich warte ja schon lange auf die Wiederentdeckung der jungen Brennnessel. Ich zog sie schon dem jungen Spinat vor, als sie noch mit zwei n geschrieben wurde. Interessiert halt keinen, denn ich trage keinen Bart, bin kein Foodie und lebe nicht in Berlin.

Ich will es dennoch mal probieren. Vielleicht werde ich ja doch Food Influencer. Also rufe ich nun den letzten Schrei aus: die Fremdnudel. Das Rezept ist einfach, und das Ergebnis vermag jede Gästeschar in freudige Erregung zu versetzen.

Es geht so: man bereite ein beliebiges Nudelgericht zu, sagen wir mal Fettuccine. Dann krame man ein wenig im heimischen Nudelschrank und suche eine einzelne Nudel. Das kann ein Tortellino sein, ein Raviolo oder ein Spaghetto. Ich habe sogar schon mit einem Spätzle erstaunliche Ergebnisse erzielt.

Die Fremdnudel werfe man dann in den Fettuccine-Topf, koche sie ganz normal mit und serviere sie zusammen mit den anderen Nudeln. Nun geht’s ans Essen, und da werden Sie staunen! Speist man nämlich alleine, freut man sich beim Anblick der Fremdnudel über etwas Abwechslung. Ist man in geselliger Runde, sorgt sie für Heiterkeit, lautes Gejohle und spitze Schreie.

Sollte die Fremdnudel eine andere Garzeit haben als die Stammnudeln, verstärkt das nur den Effekt. Sie ist dann halt härter oder weicher als die übrigen. Das sorgt für umso angeregtere Gespräche und beweist einmal mehr, wie wichtig die Kulinarik gegenüber allem ist, was sonst noch auf der Welt geschieht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare