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Am Wochenende gab es zahlreiche Festnahmen nach einer Demonstration in Moskau. 

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Putins Russland: Stabilität allein reicht nicht mehr 

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In Russland begehren die Bürger immer öfter auf, auch weil Wladimir Putin nach zwanzig Jahren an der Macht wenig zu bieten hat. Der Kommentar.

Dem russischen Revolutionsführer Lenin wird die Aussage zugeschrieben, wonach Revolutionen immer dann stattfinden, wenn „die Oberen nicht mehr können und die Unteren nicht mehr wollen“. Die Bilder, die am Wochenende aus Moskau kamen, zeigen, dass die Oberen in Russland immer noch können. 

Die Repressionsmechanismen funktionieren noch: Früh hatte die Stadtverwaltung von Moskau die Proteste untersagt, mit hartem Vorgehen gedroht, potenzielle Anführer festgenommen und dann die vergleichsweise kleine Demonstration auseinandergeprügelt. Die Machtfrage scheint geklärt zu sein. Oder doch nicht? 

Stabilität und Stillstand

In wenigen Tagen feiert Russlands Präsident Wladimir Putin ein Jubiläum. Er war am 9. August 1999 erst Ministerpräsident und dann Anfang 2000 Präsident Russlands geworden. Seit zwanzig Jahren also bestimmt er die Entwicklung im Land, doch eigentlich sind es zwanzig Jahre Stillstand – aber auch Stabilität. 

Für die meisten Russen ist Stabilität ein Wert an sich. Wer in den 80er Jahren und in den 90er Jahren ins Berufsleben trat, eine Familie gründete oder gar in Rente ging, hat vor allem Mangel an materiellen Gütern, regionalweise sogar Hunger, Unsicherheit, Perspektivlosigkeit, Bruch von familiären Banden nach dem Ende der Sowjetunion und einen Zusammenbruch seines Wertesystems erlebt. Mit Putin verbinden viele deshalb das Ende jener Phase, die der Präsident auch immer wieder erwähnt – wohl wissend, dass die Emotionen der Erinnerungen stärker wirken als die Fakten der Realität oder Forderungen einer kleinen Gruppe aus der jungen, urbanen Elite. 

Gruppe der Unzufriedenen wächst

Doch langsam schwindet in Russland nicht nur in den Metropolen die Bereitschaft, sich dem Stabilitätsdiktat zu unterwerfen. Wer sich an stabile Verhältnisse gewöhnt hat, der will dann vielleicht doch Entwicklung: ein besseres Gesundheitssystem, ein besseres Bildungssystem, eine saubere Umwelt und faire, demokratische Wahlen. 

Und wer das will, der versteht auch, dass er seine Wünsche vortragen können muss. Das aber funktioniert bisher nicht. Und wo der Wunsch nach Gehör dauerhaft ignoriert wird, da wächst die Gruppe jener, die laut werden. Noch können die Mächtigen in Russland die Bürger unterdrücken, aber es gibt Grund zur Hoffnung, dass die Menschen das nicht mehr länger hinnehmen wollen.

Von Viktor Funk

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