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Neuer russischer Marschflugkörper vom Typ 9M729.

Rüstung

Fassung bewahren

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Angesichts der russischen Rüstung wäre der Westen gut beraten, mit einer Doppelstrategie zu antworten: mit Besonnenheit und Geschlossenheit. Der Leitartikel. 

Willkommen in der neuen deutschen Nachrüstungsdebatte. Es ist in der Tat das gleiche Spiel: Heute wie damals testet Moskau den Westen – militärisch, politisch, vor allem aber psychologisch.

Das Zielgebiet von Wladimir Putins neuen Raketen ist der Bereich zwischen unseren Ohren. Die zentrale Frage lautet: Werden die Europäer sich achselzuckend bereiterklären, in Zukunft in einer Zone zu leben, die von Russland ohne Vorwarnung und ohne eigene Gegenschlagsmöglichkeit vernichtet werden könnte? Dann wäre Moskau früher oder später das neue Machtzentrum in Eurasien.

USA: weltpolitisch abgemeldet 

Die USA indessen wären reduziert auf eine Art Riesen-Australien: auf sich selbst bezogen, weltpolitisch unwichtig, weit weg von jener gigantischen, für die Geschicke des Globus maßgeblichen Landmasse, die Europäer, Russen, Zentralasiaten und Chinesen sich teilen.

Wer dieses „Herzland“ beherrscht, lehrte der britische Geograph Halford Mackinder schon im Jahr 1904, beherrscht die Welt. Heute gilt das erst recht: In Eurasien leben jetzt fast sechs Milliarden Menschen, im Rest der Welt noch etwa 1,5 Milliarden. Um sie sich alle untertan zu machen, genügen Mittelstreckenwaffen. 

Geostrategie ist vielen Europäern fremd 

Das Denken in militärischen und geostrategischen Kategorien ist für viele moderne Europäer nicht nur ungewohnt, es ist ihnen zuwider. Es passt nicht in eine Wohlstandsgesellschaft, die am liebsten über den nächsten Wellnessurlaub diskutiert, über Grünkohl-Smoothies oder Laktose-Intoleranz.

Doch ganz egal, ob man den Gedanken bedauert, ihn für antiquiert hält oder zu verdrängen versucht: Militärische Macht bedeutet immer auch politische Macht, heutzutage wie zu allen Zeiten. 

Gelegenheit ist für den Kreml günstig 

Für Moskau ist die Gelegenheit günstig. Donald Trump verfolgt wie kein US-Präsident seit dem Zweiten Weltkrieg den Isolationismus. Die Europäer reden schlecht über die Vereinigten Staaten, von denen sie neuerdings in Handelsfragen wie Feindstaaten behandelt werden.

Die Briten wollen, wider alle ökonomische und strategische Vernunft, Ende März die Europäische Union verlassen. Und jeder Nato-Gipfel gerät mittlerweile zu einer prekären Veranstaltung, bei der alle Beteiligten froh sind, wenn das westliche Bündnis nicht schon ohne äußeren Anstoß von sich aus kollabiert. Niemand darf sich also wundern, wenn dem kühl in die Welt blickenden Wladimir Putin der Westen mehr denn je als spaltbares Material erscheint. 

Putin liebt militärische Macht 

Schon im Frühjahr 2018 ließ Putin erkennen, wie sehr er aufs Militärische setzt. Ausführlich sprach er, begleitet von einer Multimediashow, bei einem Auftritt in Moskau über neuartige Hyperschallwaffen, nukleare Supertorpedos und „unaufhaltsame“ Marschflugkörper.

Im Westen rollten Fachleute und Laien die Augen: Jetzt übertreibt er wieder. Doch was genau will man tun, wenn der russische Präsident Putin dies alles nun tatsächlich in Stellung bringt? Militärisch aufzutrumpfen, nützt ihm ja doppelt: Er treibt den Westen auseinander, und er bewirkt im eigenen Land ein emotionales Zusammenrücken.

Niemand weiß allerdings, wie lange Putin seinen schon seit Langem laut brummenden Kreisel aus Nationalismus und Militarismus immer wieder neu antreiben kann. Für eine wahre Supermacht fehlt Russland die ökonomische Kraft. Zugleich bereitet das nahe China durch die systematische und massenweise Anwendung von Künstlicher Intelligenz seine eigene Variante eines Griffs nach der Weltherrschaft vor. Russland hat an dieser Stelle wenig zu bieten.

Vorbild Helmut Schmidt 

Der Westen wäre also klug beraten, angesichts der russischen Raketenrüstung nicht die Fassung zu verlieren. Ein erstes Gegenmittel läge jetzt in neuer Besonnenheit, ein zweites in neuer Geschlossenheit.

Vor 40 Jahren traf die Nato, übrigens auf Betreiben des Sozialdemokraten Helmut Schmidt, einen Doppelbeschluss: Der Westen bot erstens Verhandlungen an und drohte zweitens mit der Nachrüstung durch eigene Waffen für den Fall, dass die Verhandlungen scheitern.

Pazifisten kritisierten damals diese Politik der Festigkeit – und sahen später staunend zu, wie 1987 erst die Raketen wegverhandelt wurden und zwei Jahre später auch noch die Mauer fiel.

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