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Wladimir Putin sorgt für Entrüstung.

Zweiter Weltkrieg

Russisch-polnischer Streit: Missbrauchte Geschichte

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Russland und Polen streiten über das Gedenken an den Zweiten Weltkrieg. An die Opfer denkt dabei niemand. Die Analyse.

Kurze Rede, enorme Wirkung: Der russische Präsident Wladimir Putin hat mit wenigen Sätzen zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs in Polen einen Sturm der Entrüstung ausgelöst, der nahezu täglich an Kraft gewinnt. Zuletzt sagte Präsident Andrzej Duda seine Teilnahme am Welt-Holocaust-Forum in Jerusalem ab, weil Putin dort sprechen sollte, er selbst aber nicht.

Dabei hatte der Kremlchef seine Aussagen bereits vor Weihnachten getätigt. Unter anderem hatte er Jozef Lipski, der in den 30er Jahren Polens Botschafter in Berlin war, als „antisemitisches Schwein“ bezeichnet. Belegt ist, dass Lipski die von den Nazis geplante Deportation europäischer Juden nach Afrika öffentlich gerühmt hat. Putin ging es allerdings um weit mehr als um einige ausfällige Bemerkungen über eine zwielichtige historische Figur.

Am Jahresende wies Russlands Präsident Polen indirekt eine Mitschuld am Ausbruch des Weltkriegs zu und verteidigte den Hitler-Stalin-Pakt, der den Überfall der deutschen Wehrmacht auf das Nachbarland am 1. September 1939 erst ermöglichte. Die Sowjetunion sei „der letzte Staat Europas“ gewesen, der einen Nichtangriffspakt mit der NS-Führung unterzeichnet habe. Tatsächlich schloss Polen mit dem Deutschen Reich 1934 einen solchen Vertrag, den Hitler 1939 kündigte.

Die Sowjetunion annektierte Gebiete

Aus Putins Sicht ergibt sich daraus und aus der westlichen Beschwichtigungspolitik (Appeasement) gegenüber Hitler eine Rechtfertigung Stalins. Die Sowjetunion habe damals allein gestanden und keine andere Wahl gehabt, als den Ausgleich mit den Nazis zu suchen.

Was Putin unterschlägt: Der Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 enthielt in einem geheimen Zusatzprotokoll einen Kriegsplan, der auf Moskauer Initiative zurückging. Die Sowjetunion und das Deutsche Reich teilten darin den Osten des Kontinents in sogenannte Interessensphären auf. Am 17. September marschierten Stalins Truppen im Baltikum und in Ostpolen ein. Die Sowjetunion annektierte die Gebiete, die erst 1989 ihre Unabhängigkeit wiedererlangten.

In Warschau fürchten inzwischen Politiker aller Parteien „Propagandabotschaften wie zur Stalin-Zeit“. Premier Mateusz Morawiecki warf Putin vor, „mehrfach bewusst gelogen“ zu haben. Aber auch deutsche und US-amerikanische Diplomaten betonten, Polen sei Opfer, nichts sonst.

Genau das ist die Sichtweise, die von der rechtsnationalen PiS in Polen seit der Regierungsübernahme 2015 besonders vehement vertreten wird. Nicht immer mit der erwünschten Wirkung. So gipfelte die Geschichtspolitik der PiS 2018 in dem umstrittenen „Holocaustgesetz“. Wer Polen eine Mitverantwortung an den NS-Verbrechen zuschrieb, sollte mit bis zu drei Jahren Haft bestraft werden. Schnell wurden Stimmen laut, die vor einer „Reinwaschung“ aller Polen warnten, trotz nachgewiesener antisemitischer Pogrome. Nach heftiger Kritik aus Israel und den USA entschärfte die PiS-Regierung das Gesetz.

Putin spielt die Zuspitzung in die Karten

All das gehört zu dem Kontext, in dem die heftigen Auseinandersetzungen zwischen Moskau und Warschau zu sehen sind. Und die Verbalschlachten werden sich wohl fortsetzen. Denn in den kommenden Monaten erinnern sich Europa und die Welt bei diversen Anlässen an die Überwindung des NS-Terrors.

Der Gedenkreigen beginnt Ende Januar und erreicht im Mai mit dem 75. Jahrestag der deutschen Kapitulation seinen Höhepunkt. Schon die Feiern am 27. Januar zur Erinnerung an die Befreiung des größten nationalsozialistischen Vernichtungslagers in Auschwitz-Birkenau durch sowjetische Truppen drohen zu einem Fiasko der Versöhnungspolitik zu werden: Putins Teilnahme gilt in Polen als unerwünscht.

Dem Kremlchef spielt die Zuspitzung allerdings in die Karten. Denn für Putin gilt dasselbe wie für die polnische PiS: Er profitiert innenpolitisch von der Aufwallung nationalistischer Stimmungen. Das trifft umso mehr zu, als die historischen Debatten kaum ohne den aktuellen Bezugsrahmen zu verstehen sind.

Im Streit mit dem Westen um die Nato-Osterweiterungen verweist Moskau seit Jahren auf eine drohende Einkreisung Russlands, wie zu Zeiten der frühen Sowjetunion. In dieser Lesart wird dann nicht nur Stalins Kriegspakt mit Hitler zu einer legitimen Verteidigungsmaßnahme, sondern auch die aktuelle russische Ukraine-Politik samt Krim-Annexion.

Aber auch die Regierung in Polen spielt gern historische Karten aus. Zuletzt machte die PiS mit Reparationsforderungen an Deutschland Wahlkampf. Vor allem aber wird die deutsch-russische Nordstream-Pipeline immer wieder in den geschichtlichen Kontext von 1939 gerückt. Schon 2006 stellte der damalige Verteidigungsminister Radoslaw Sikorski das Projekt in eine „Traditionslinie“ mit dem Hitler-Stalin-Pakt.

Was bei all dem aus dem Blick gerät, ist die Erinnerung an die Opfer – und das im vielleicht letzten runden Gedenkjahr, in dem noch Zeitzeugen leben.

Überraschende Nachricht aus Moskau: Die russische Regierung unter Ministerpräsident Dmitri Medwedew tritt zurück.

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