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ZDF Magazin Royale: Jan Böhmermann knöpft sich öffentlich-rechtlichen Rundfunk vor

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Von: Lucas Maier

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Rund um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk dreht sich diese Folge des ZDF Magazin Royal. Böhmermann schafft den Spagat zwischen Kritik und Distanz nach rechts.

Köln – Immer wieder deckt Jan Böhmermann zusammen mit seinem Team in der Late-Night-Show ZDF Magazin Royale Missstände auf. In bester satirischer Manier versteht er es, den Zuschauenden auch komplexere Inhalte verständlich zu machen.

Nachdem er in der letzten Folge des ZDF Magazin Royale (28. Oktober) mit der Veröffentlichung der NSU-Akten für Schlagzeilen gesorgt hatte, wurde es am späten Freitagabend (04. November) emotional für den 41-jährigen. „Ich habe so einen Hals“, steigt der seit über 20 Jahren in der Medienbranche beheimatete Allrounder in seine Show ein.

ZDF Magazin Royale: Jan Böhmermann „rein als Privatmann“

„Der Öffentlich-Rechtliche-Rundfunk ist scheiße“, so Böhmermann unverhohlen. Die Belege des gebürtigen Bremers folgen prompt. Unterbindung kritischer Berichterstattung beim WDR, Finanzchaos beim Bayrischen Rundfunk oder der Rücktritt der MDR-Direktorin Ende August: Die eingeblendeten Schlagzeilen wiegen scheinbar schwer.

SendungZDF Magazin Royale
BesetzungJan Böhmermann
GenreLate-Night-Show, Satire, Comedy
AusstrahlungsturnusJeden Freitag, 23.00 Uhr

Böhmermann sieht sich selbst als Kind des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Deshalb will er sich in dieser Folge „rein als Privatmann“ äußern. Was nicht nur als Stilmittel zu verstehen ist, sondern sich im Verlauf der Folge noch zu einem handfesten Seitenhieb entwickeln sollte.

ZDF Magazin Royale: Zwischen Hitler und Gabalier entstand der ÖRR

Doch erst einmal geht es dem Moderator um die Geschichte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ÖRR) in Deutschland. Kurz um: „Nach 1945 brauchte das neue demokratische Deutschland einen neuen demokratischen Rundfunk“. Ob hier wirklich ein Bild von Adolf Hitler mit Mikrofon an einen Musikvideo-Ausschnitt des Sängers Andreas Gabalier gereiht notwendig gewesen wäre, sei mal dahin gestellt.

ZDF Magazin Royale

Die Late-Night-Show mit Jan Böhmermann läuft jeden Freitag um 23.00 Uhr im ZDF. Hier können Sie die Folge in der Mediathek sehen.

Immerhin war die Pointe der beiden „problematischen Österreicher“ nicht ganz ab vom Schuss, erregte Gabalier in der Vergangenheit doch immer wieder mit, zumindest, recht offener Attitüde und frauenfeindlichen Songzeilen Aufsehen.

Jan Böhmermann: ZDF Magazin Royale überlässt Kritik nicht den Faschist:innen

Nach weniger als zehn Minuten Sendezeit, werden dann auch direkt harte Fakten auf den Tisch gepackt. Der WDR-Intendant Tom Buhrow erhält pro Jahr 416.650,84 € Gehalt, wie der Moderator vorrechnet. Bei dieser Gelegenheit reibt er dem „hotten Nazi“ Dr. Marc Jongen (AfD) die Fehlerhaftigkeit seiner Rechnung unter die Nase und schafft so die nötige Distanz zu rechten Kritiker:innen.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wurde doch genau dafür erfunden, damit Nazis Shitstorms starten

Jan Böhmermann

Die Kritik an den Öffentlich-Rechtlichen den Demokratiefeinden zu überlassen, kommt für Jan Böhmermann nicht infrage. Deshalb nimmt er selbst die Zügel der Kritik in die Hand. Zuerst geht er mit Patrizia Schlesinger, der Ex-rbb-Intendantin, ins Gericht. Dem Moderator scheint die defensive Haltung von ARD, ZDF und Co. hier jedoch mehr an die Nieren zu gehen, als die kostspieligen Umtriebe Schlesingers auf Kosten der Beitragszahlenden.

ZDF Magazin Royale: Böhmermann deckt „Kreislaufwirtschaft“ im NDR auf

Der Frage, wie es ein journalistisch eher fragwürdiger Beitrag, über die Kommunikation mit verstorbenen Hunden, in das Programm des NDR schaffen konnte, widmet sich Böhmermann zur Halbzeit der ZDF Magazin Royale Folge. Hierfür zeigt der 41-Jährige die familiär-freundschaftlichen Verflechtungen innerhalb des NDR. Von der Direktorin, über eine PR-Agentur ihrer Tochter, bis hin zur mutmaßlichen Schützenhilfe für die Tochter einer weiteren NDR-Führungskraft. Die Darstellung erinnert an eine Tafel aus der Satire-Show „Die Anstalt“, wenn sie doch auch weit weniger Tiefenrecherche enthalten dürfte.

Wenn die weniger als ein Prozent Bauern in unsrem Land im Rundfunkrat genauso häufig vertreten sind wie Menschen mit Migrationsgeschichte, die 27 Prozent der Bevölkerung ausmachen, dann ist natürlich eine Schieflage da.

Khola Maryam Hübsch – Mitglied im Rundfunkrat des hessischen Rundfunks im ZDF Magazin Royale

Die Kontrollgremien, welche solche Machenschaften verhindern sollten, sitzen als Nächstes auf Böhmermanns Anklagebank. Der Hauptkritikpunkt: Ein Überhang an Politiker:innen in diesen Gremien. Von Malu Dreyer bis Markus Söder, wirklich staatsfern wirkt der Verwaltungsrat in der Aufzählung Böhmermanns nicht.

ZDF Magazin Royale: Jan Böhmermann geht mit den Öffentlich-Rechtlichen hart ins Gericht.
ZDF Magazin Royale: Jan Böhmermann geht mit den Öffentlich-Rechtlichen hart ins Gericht. © Screenshot ZDF Magazin Royal

Erschwerend kommt hinzu, dass die Gremien „stark überaltert“ sind, so liegt das Durchschnittsalter bei 57,8 Jahren, wie der ZDF-Satiriker vorbringt. Obendrauf wird noch, völlig zurecht, bemängelt, dass es der öffentlich-rechtlichen Medienlandschaft an Diversität mangelt. „Eine Institution ist immer genau dafür da, wofür sie gegründet wurde. Im Fall des Öffentlich-Rechtlichen, für die deutsche Gesellschaft von Juni 1950“, urteilt Böhmermann.

Sparen beim ÖRR: 40 Prozent der Mitarbeitenden ohne Festanstellung

Auf der Zielgeraden der ZDF Magazin Royale Folge geht es um die Arbeitsbedingungen bei den Öffentlich-Rechtlichen. Knackpunkt ist hier die unterschiedliche Anstellung der Mitarbeitenden. So werden rund 40 Prozent beim ZDF lediglich in freier Mitarbeit beschäftigt. Fehlende Arbeitnehmer:innenrechte sind hier ebenso ein Problem, wie fehlende Planungssicherheit oder das Fehlen von bezahlten Krankheitstagen.

Bei dieser ständigen Unsicherheit kriegst du Existenzängste.

Anonymisierter Freier Journalist im ZDF Magazin Royale

Grund dafür ist ein harter Sparkurs der öffentlich-rechtlichen Medienanstalten. Während die Mitarbeitenden deshalb häufig ohne Arbeitsverträge auskommen müssen, wird die Altersvorsorge von Intendant:innen und Direktor:innen teils mit sechsstelligen Beträgen abgesichert, wie Böhmermann kritisiert.

ZDF Magazin Royale: Jan Böhmermann öffnet Tür für ernsthafte Kritik

„Der ÖRR braucht eine Reform, damit er ein starkes und unabhängiges Instrument für Aufklärung und Machtkritik bleibt“, läutet Jan Böhmermann das Ende der Sendung ein und setzt anschließend zu dem Eingangs erwähnten Seitenhieb an. Tom Buhrow rief zwei Monate vor seiner Pensionierung zu einer Revolution im ÖRR auf. Das ganze nicht etwa in seiner Funktion als Intendant, sondern als Privatmann. Anstatt eine Revolution von oben anzuzetteln, sollte er besser seine „50er-Jahre Privilegien reflektieren und abschaffen“, meint Jan Böhmermann, der heute auch lieber als privater Böhmermann sprechen wollte.

Die Sendung endet mit einer Betriebsversammlung des ZDF Magazin Royale, denn auch dort gebe es mehr als genug Baustellen, wie der Moderator selbstkritisch eingesteht. Wenn auch nicht bis ins letzte Detail ausklamüsert, schafft Jan Böhmermann es doch eine ernsthafte Kritik an den Öffentlich-Rechtlichen zu formulieren. Er schafft es dabei, sich zum einen klar von rechten Kritiker:innen abzugrenzen und stößt gleichzeitig eine Tür für ernsthafte und konstruktive Kritik auf. (Lucas Maier)

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