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Rumänien

Rumänien, ein lernendes Land

  • Norbert Mappes-Niediek
    VonNorbert Mappes-Niediek
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Es gibt, 25 Jahre nach der Revolution, noch immer viel Kungelei. Aber die Gegenwehr wächst. Eine Analyse.

Ob dieses Land Bestand haben könne, sei „sehr fraglich“, schrieb 1990 ein bekannter Balkanexperte über Rumänien. Er war nicht der Einzige, der so dachte, und gute Argumente hatte er auch. Überall in Osteuropa waren die Kommunisten dem Aufstand des Volkes freiwillig gewichen. Nur in Rumänien nicht. Mehr als tausend Menschen waren 1989 den Schüssen von Armee, Polizei und Geheimdienst zum Opfer gefallen. Nirgendwo im Ostblock war das soziale Elend so groß, die Überwachung so total, nirgends ging die Macht so perfide vor.

Auch nach dem Sieg der Revolution mochte sich kein Optimismus einstellen. Marodierende Bergarbeiter fielen in Bukarest ein und verprügelten Oppositionelle, in Transsilvanien kam es zu Übergriffen auf die ungarische Minderheit. Um dem Land ein ähnliches Schicksal wie dem gerade zerfallenden Nachbarland Jugoslawien vorherzusagen, brauchte es nicht viel Fantasie.

Aber die Katastrophe blieb aus. Ein Vierteljahrhundert nach der Revolution ist Rumänien zwar kein Schlaraffen- und auch kein demokratisches Musterland, aber es ist Mitglied der Europäischen Union und der Nato, und die Zeichen stehen auf weitere – und raschere – Genesung.

Die Boomjahre rund um den EU-Beitritt 2007 sind zwar vorbei, haben aber sichtbare Spuren hinterlassen. Dass die Zeitungen täglich von einer gigantischen Korruption der politischen Klasse berichten, ist bei näherem Hinsehen ein gutes Zeichen: Anders als im Nachbarland Bulgarien wird das byzantinische Erbübel wenigstens bekämpft. Etliche Minister und sogar ein Regierungschef haben sich Gefängnisstrafen eingehandelt.

Was heute Bestechung heißt, war vor zehn, 20 Jahren noch ein normaler Teil des Geschäfts. In der Zwischenkriegszeit hat der Verdruss über die Korruption eine faschistische Bewegung befeuert. Heute stärkt er dagegen den – noch immer zu wenigen – mutigen Staatsanwälten und Richtern den Rücken. Zwar ist Rumänien auch heute noch nicht frei von nationalistischen Aufwallungen. Aber extremistische Parteien haben, anders als beim Nachbarn Ungarn, keine Chance.

Ein gelassenes Urteil über Rumänien, das im Westen vornehmlich als Herkunftsland sogenannter Armutsflüchtlinge wahrgenommen wird, ist in Europa und im Lande selbst nur selten zu hören. In den 90er Jahren galt es als Heimat des „Postkommunismus“ – ein schillernder Begriff mit wenig Inhalt. Tatsache ist, dass es in Rumänien lange keine Abrechnung mit der Elite der Ceausescu-Diktatur gab, keine Öffnung von Stasi-Akten, kaum Strafprozesse gegen Staatsverbrecher. Präsident Ion Iliescu hatte sich entschieden, den neuen Weg mit den alten Leuten zu gehen. Verbrechen blieben ungesühnt, und wenn doch einmal einer verurteilt wurde, durfte er mit Begnadigung rechnen.

Es war eine lange, zähe, uninspirierte Schweigezeit, wie Deutschland sie in der Adenauer-Ära nach Gründung der Bundesrepublik durchgemacht hat. Die Vergangenheit war kein Thema. Aber Iliescu hielt sein Land, wie seinerzeit Kanzler Konrad Adenauer, immerhin fest auf Westkurs, anders als die Neokommunisten im Bulgarien des Jean Widenow, des einzigen historischen Geisterfahrers im Osteuropa der 90er Jahre.

Man kann sich im Nachhinein zu Iliescus Weg zwar Alternativen vorstellen. Es sind aber auch etliche ungemütliche darunter. Zwischen 3,6 und 4,5 Millionen Rumänen waren KP-Mitglieder gewesen. Die Zahlen differieren, umfassen aber in jedem Fall fast die gesamte beruflich aktive Generation. Eine bürgerliche Dissidentenszene, wie in Polen und der Tschechoslowakei, gab es nicht, auch keine christlich-evangelische Parallelwelt. Wer sich eine Vorstellung davon machen will, wie versehrt, wie zerstört diese Gesellschaft war und noch ist, kann sich in der modernen Belletristik des Landes umtun.

Dass schon Demokratie herrschen würde, wenn erst der Diktator weg wäre, hat man in Rumänien aus gutem Grund nicht geglaubt. Die bürgerliche Opposition, die man sich als Machtalternative zu den Altkommunisten hätte vorstellen können, ist in den 90er Jahren überhaupt erst entstanden. Hätten die Gemäßigten in der KP 1989 die Zügel nicht in die Hand genommen, wären auch Chaos oder Bürgerkrieg Alternativen gewesen. Selbst das Urteil über das schleppende Tempo der Wirtschaftsreformen fällt nicht so eindeutig aus, wenn man die rumänische Bilanz etwa mit der in Albanien vergleicht, das – den Empfehlungen der wirtschaftsliberalen „Chicago Boys“ folgend – auf Schocktherapie setzte.

Auf die lange Adenauer-Ära folgte in der Bundesrepublik Deutschland, nach zwei Übergangskanzlern, ein Willy Brandt, der „mehr Demokratie wagen“ wollte. In Rumänien dagegen folgte auf Iliescu ein Traian Basescu, der mit mehr Demokratie am wenigsten im Sinn hatte. Regierung und Opposition wechselten sich ab und wetteiferten um Posten und Ressourcen – Basescu auf der einen und Iliescus unglückselige Nachfolger Adrian Nastase und Victor Ponta auf der anderen Seite. Das aus den 90er Jahren stammende System der Lokalfürsten, die sich mit einem Ring von geschäftstüchtigen Freunden umgaben, hat Basescu nicht abgeschafft, sondern kopiert.

Zeitweise sah es so aus, als hätte Rumäniens Elite das machtpolitische Perpetuum mobile erfunden: auf der Bühne Scheinkämpfe austragen, hinter den Kulissen einträchtig die Beute verteilen. Aber auch dieses letzte Schreckensszenario ging nicht in Erfüllung. Keiner war mächtig genug, um zu verhindern, dass Richter, Polizisten, Staatsanwälte, Fachleute aus der Wirtschaft ihre Funktion irgendwann beim Wort nahmen. Letzten Endes dann haben sie einem Gesetz wieder Geltung verschafft, das man schon für widerlegt gehalten hatte: dass Regierende eben doch abgewählt werden, wenn sie nichts taugen.

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