Kolumne

Rosa Seuche

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Früher gab es ihn recht zahlreich, dann war er so gut wie weg, jetzt ist er wieder da. Aber ist das noch unser guter alter Lachs? Die Kolumne.

Eigentlich ist es ja keine neue Erkenntnis, dass sich Geschichte wiederholt. Dennoch ist man immer wieder verblüfft, wie sich diese These auch in winzigen, auf den ersten Blick nebensächlichen Details immer wieder bewahrheitet.

Nehmen wir doch nur mal den Lachs. Ein interessantes Tier mit einem phänomenalen Instinkt. Als winziges Fischlein schwimmt er durch Rinnsale, Bäche und Flüsse ins Meer, bewältigt dort Tausende von Kilometern, schlägt sich unterwegs mit Krebsgetier den Magen voll, macht dann kehrt und müht sich um die halbe Welt zurück bis in den Tümpel seines Schlupfes. Dort sorgt er dann seinerseits für Nachwuchs und verscheidet.

Was für ein Leben! Warum diese Mühsal? Gäbe es denn keine bequemere Form zur Erhaltung der Art? Es ist und bleibt eines der vielen Rätsel der Schöpfung. Immerhin hat sich das Konzept über Jahrmillionen bewährt und hätte dies auch noch mal so lange getan – doch dann kam der Mensch.

Anfangs tat er sich nur gütlich an den nahrhaften Tieren. Das war nicht sonderlich gravierend, denn die Menge der Lachse schien unendlich zu sein. Es gab so viele, dass sie angeblich sogar als Speise der Armen galten. Einst sollen sogar am Rhein anrainige Knechte und Mägde einen Passus in ihren Arbeitsverträgen erwirkt haben, wonach ihnen ihre Dienstherren nicht jeden Tag Lachs auftischen durften.

Mit fortschreitender Industrialisierung erübrigte sich das. Zuerst machte die zunehmende Gewässerverschmutzung den Lachs selbst für das Gesinde nicht mehr genießbar, dann wurde auch ihm die Dreckbrühe zu viel, und er zog es vor, sich zu verziehen.

Nun ist er wieder da. Nicht da, wo er früher war, denn Flüsse und Bäche sind zwar wieder sauberer, doch nun verhindern vielerorts Stauwehre seine Rückwanderung zu den Laichplätzen.

Dort ist er also nicht mehr zu finden – aber sonst überall, und zwar als Epidemie. Allerorten lauert er uns auf. Als Lasagne in unzähligen Betriebskantinen, als letzter Scheiß aus Peru mit Limettensaft in Wichtigtuerspelunken, als Quiche in In-Bistros, als Alternative zu seiner Leidensschwester Putenbrust auf Blattsalaten in Business-Lunch-Kaschemmen, bei allen Pizza-Sushi-Gyros-Schnitzel-Burger-Bringdiensten mit Pasta in lauer Quaddelsahnepampe, in Tuben bei Ikea, in den Truhen und Regalen eines jeden Billigsupermarkts, als Streifen in Instant-Kartoffelsuppen und auf den Frühstücksbuffets von Hotels neben Nürnberger Würstchen, aufgetauten Brötchen und eingetrocknetem Rührei aus Tetra-Packs.

Kann das sein? Ist das unser alter guter Lachs? Nein. Es sind zu Zombies mutierte Nachkommen, in Aquakulturen mit Antibiotika hochgepäppelt, mit Karotin rotgefärbt und mit anderen Fischen gemästet, von denen mehrere Kilo benötigt werden, um ein Kilo Lachs zu produzieren.

Den echten Lachs, den gibt es auch noch. Aus „Wildfang“ gefährdeter Bestände, die man besser in Ruhe lassen sollte. Dafür wird er uns tagtäglich im Fernsehen gezeigt, wie er von fetten Bären aus Stromschnellen geprankt und genüsslich verschlungen wird. Gäbe es noch Mägde und Knechte, sie könnten sich das dann ansehen. Ansonsten hätten sie wieder gute Gründe, sich Lachs zum Lunch zu verbitten.

Geschichte wiederholt sich halt. Aber manchmal anders, als man denkt.

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