De meisten heutigen Demokratien sind nicht aus Revolutionen hervorgegangen  - der Mauerfall bildet also eine rühmliche Ausnahme.
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De meisten heutigen Demokratien sind nicht aus Revolutionen hervorgegangen  - der Mauerfall bildet also eine rühmliche Ausnahme.

Gastbeitrag

Romantisiert die Revolution nicht!

Massenproteste können einen Diktator stürzen. Doch dies geschieht seltener als viele denken.

Der Mythos der Revolution geht maßgeblich auf Karl Marx zurück. Weil die ausgebeuteten Massen nichts zu verlieren hätten als ihre Ketten, lautete seine These, würden sie die herrschende Klasse zwangsläufig von ihrem Thron stürzen. Gelöst aus dem geschichtsphilosophischen Zusammenhang von Marx lautet die moderne Version: Ein unterdrücktes und ausgebeutetes Volk wird früher oder später seine Herrscher verjagen. Klingt gut. Aber wie realistisch ist es?

Es gibt Methoden zur Messung des Grades an Demokratie, und wenn wir den zu Messgrößen des Lebensstandards in Beziehung setzen, dann finden wir: Unter sonst gleichen Bedingungen senkt ein zehnprozentiger Rückgang des Demokratiegrads den Lebensstandard um knapp vier Prozent. Demnach sind Einwohner von Diktaturen im Schnitt rund 40 Prozent ärmer als jene von Demokratien. Sie sind damit nicht nur weniger frei, sondern auch ärmer als in einer Demokratie.

Folgen wir dem Mythos der Revolution, dann müssten wir beobachten, dass sie sich dagegen erheben. Das tun sie aktuell in Hongkong, im Iran und kürzlich in Venezuela. Im Sudan kollabierte 2019 ein Regime nach Massenprotesten, und 1989 brachten Massenproteste gar mit der Sowjetunion eine Weltmacht und deren (DDR-)Satellitenregime zu Fall. So beeindruckend diese Ereignisse sind, so verzerren sie das Gesamtbild. Denn von weltweit 195 Ländern waren zuletzt 107 Länder nicht demokratisch. Nach dem Mythos der Revolution müsste es überall dort gefährlich rumoren. So ist es aber nicht.

Zwar hat die Politologin Dawn Brancati von 1989 bis 2011 immerhin 310 Protestwellen in 92 Ländern gezählt. Aber die meisten davon ebbten folgenlos wieder ab. Und in strammen Diktaturen wie jener in China nach 1989, in Nord-Korea oder in Saudi-Arabien rührt sich überhaupt nichts.

Das ist nachvollziehbar. In solchen Diktaturen ist Widerstand besonders gefährlich. Dort stehen die Bürger vor einem Henne-Ei-Problem: Sind große Massen auf der Straße, kann man sich ihnen oft ohne allzu großes Risiko anschließen. Umgekehrt gleicht es einem Selbstmord, in einer harschen Diktatur als Erster damit zu beginnen.

Doch wenn niemand unter vertretbaren Bedingungen den ersten Schritt gehen kann, wo soll dann die Masse herkommen, der man sich anschließen kann? Diktaturen nutzen genau diesen Effekt, um mögliche Proteste im Keim zu ersticken. Meist gelingt ihnen das auch.

Haben sie in diesem Punkt aber versagt, dann entgleitet ihnen leicht die Kontrolle. Das geschieht oft in Phasen relativer Liberalisierung, wie in China vor dem brutalen Zugriff von 1989 oder während des Prager Frühlings. Das macht es für Diktatoren gefährlich, im Grad der Unterdrückung nachzulassen.

Thomas Apolte leitet den Lehrstuhl für Ökonomische Politikanalyse an der Universität Münster.

Manchmal helfen aber auch sogenannte fokale Punkte. Wenn beispielsweise zu einem bekannten Zeitpunkt an einem bekannten Ort ohnehin regelmäßig viele Menschen versammelt sind und diese sonst harmlose Ansammlung plötzlich zu einem Proteststurm mutiert.

Es geschieht also gar nicht so selten, dass das Volk das Henne-Ei-Problem überwindet. Allerdings reicht das allein nicht, denn wenn die Sicherheitskräfte loyal zum Diktator bleiben, dann nützen Massenproteste nichts. Zwar erhöhen Massenproteste die Wahrscheinlichkeit eines Loyalitätswechsels von Militärs um bis zu 20 Prozentpunkte, wie eine Studie der Konfliktforscherin Lena Gerling zeigt. Aber damit bleiben sie in den meisten Fällen immer noch folgenlos, und so gingen in den vergangenen anderthalb Jahrhunderten nur 1,5 Prozent aller Regimewechsel auf den Druck des Volkes zurück.

Geschieht es dennoch, so ist auch damit noch keine freie Gesellschaft errichtet. Denn eine Revolution zerstört nur ein altes Regime und schafft selbst kein neues. Hierzu spöttelte der Schriftsteller Oscar Wilde: „Die Revolution ist die erfolgreiche Anstrengung, eine schlechte Regierung loszuwerden und eine schlechtere zu errichten.“

Tatsächlich hatten Revolutionen selten freiheitliche Gesellschaften zur Folge, und die meisten heutigen Demokratien sind nicht aus Revolutionen hervorgegangen. Die USA sind hier ebenso eine Ausnahme wie die Revolutionen von 1989. Schauen wir aber nach Weißrussland, nach Russland, in den Kaukasus oder nach Zentralasien, so wird auch der Zauber von 1989 blasser – vom Arabischen Frühling ganz zu schweigen.

Der Mythos der Revolution ist leider eine Romantisierung, das mögen selbst Fachwissenschaftler oft nicht akzeptieren. Umso mehr sollten wir die Demokratie hüten, wo immer wir sie haben. Wo sie einmal verloren ist, wird sie so leicht nicht zurückzuholen sein.

Thomas Apolte leitet den Lehrstuhl für Ökonomische Politikanalyse an der Universität Münster. Im Verlag Springer ist jetzt sein Buch „Der Mythos der Revolution“ erschienen.

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