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Freiheit statt Axel Voss: Bereits Anfang März gingen die Menschen gegen die EU-Urheberrechtsreform auf die Straße.

Europaweite Proteste

Rezo und die Generation Youtube kämpfen gegen die Urheberrechtsnovelle

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Im Internet kann nicht alles erlaubt sein. Die Regeln entstehen noch. Das Leistungsschutzrecht hilft dabei nur bedingt. Der FR-Leitartikel.

Das Internet braucht neue Regeln. Von der Generation Youtube können wir wenig zum Urheberrecht lernen, aber sehr viel dazu, wie man politische Debatten führt und Partizipation erneuert.

Rezo ist einer der deutschsprachigen Stars auf Youtube. Seine Bekanntheit nutzt er, um seine Anhänger gegen die Urheberrechtsnovelle zu mobilisieren. Mehr als eine Million Mal wird jedes seiner lustigen Videos geklickt. 300.000 Mal die wesentlich ernsthafteren Beiträge zu Artikel 13 – „Das sind nur ein Drittel meiner sonstigen User, also ich verliere richtig Geld“, beschreibt er selbst, was ihm sein Engagement wert ist. Nur 300.000? Wann hat es zuletzt ein politisches Thema geschafft, so viele vor allem junge Leserinnen und Leser zu erreichen?

Rezo ist das Gesicht einer Generation

Was erbost ihn so? Würde das neue Leistungsschutzrecht in Kraft treten, wäre er einer der großen Profiteure. Rezo ist das Gesicht einer Generation, die sich von einem Teil der politischen Elite nicht verstanden und vertreten fühlt. Weltfremde CDU-Taktiker wie Uwe Voss verätzen den Dialog. Seine abfälligen Bemerkungen über „Menschen, die ihren Lebensmittelpunkt ins Internet verlegt haben“ diffamieren die Debatte ähnlich wie es Christian Lindner mit Profi-Bemerkungen zu #FridayForFuture getan hat.

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Ist ja schön, dass die Jugend sich engagiert, aber die Experten regeln das besser hinter verschlossenen Türen. Zum Glück lassen weder Klimaschützer noch Internetaktivisten sich das gefallen und bringen ihre Positionen klar zum Ausdruck.

Unsere Rechtsvorstellungen, die wir gerade auf das Internet anwenden, greifen weit zurück: Weil ein gewisser Fidentinus vor rund 2000 Jahren Gedichte des Martial als eigene ausgegeben hat, wurde er als „Plagiarus“, als „Menschenräuber“ beschimpft. Den Autor und sein Werk vor Plagiaten zu schützen, gilt bis heute als hohes Ziel.

Seit dem 18. Jahrhundert hat sich die Wertschöpfungskette systematisch gewandelt. Verleger kauften den Schriftstellern, Journalisten und Fotografen die Rechte an der Verwertung ab. Mit der Professionalisierung von Buchwesen und Medien hat sich ein schrittweise ausbalanciertes System an Autoren, Verwertern und Lesern entwickelt.

Das Internet hat alles verändert

Das Internet hat diese feinsinnig konstruierte Wertschöpfungskette wie ein Atombombeneinschlag verändert. Von veganer Schuh-Herstellung bis zur Quatsch-Comedy, jeder konnte kommentieren und publizieren, ohne die Kosten für Druckmaschinen oder Postversand zu bezahlen. Die Sehnsucht nach dieser Art von Freiheit und Meinungsvielfalt ist immer noch in den Köpfen vieler Internetpioniere, die sich in diesen Tagen zu Wort melden.

Den Kater nach dem Rausch der ersten Tage kennt, wer je eine Webseite mit Kommentarfunktion betrieben hat. Nach den hitzigen Meinungspartys der Anfänge kamen erst die Idioten, dann die Trolle und schließlich die Meinungsmanipulatoren.

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Eine Regulierung des korrumpierten Webraums war dringend nötig. Schweren Herzens haben wir Internetromantiker Freiheit aufgegeben, um Grundwerte wie Würde und Schutz vor Verleumdung durchzusetzen. Auch auf der Webseite der Frankfurter Rundschau kann kein Leser alles schrankenlos schreiben und alles kommentieren.

Nun wagen sich die Vertreter der Länder – allen voran Frankreich und Deutschland – und das Europäische Parlament an den größten verbliebenen Atombombenkrater im Internet, das Urheberrecht. Und natürlich sind wir als Verlag Partei mit eigenem Interesse in dieser Diskussion. Wer Qualitätsjournalismus betreiben will, muss Fotografen und Autoren bezahlen.

Das Internet hat die Kräfteverhältnisse neu geordnet

Das Internet hat die Kräfteverhältnisse komplett neu geordnet: Den Verlagen gelingt die Finanzierung nicht mehr von allein. Wessen Nachrichten nicht bei Google in der Suchmaschine gefunden werden, wessen Videos nicht bei Youtube zu sehen sind, wessen Inhalte nicht bei Facebook oder seinen Tochterfirmen Instagram und Whatsapp verbreitet werden, der muss wirtschaftliche Einbußen hinnehmen. Der Gravitation von Facebook-Google-Amazon kann sich nicht entziehen, wer digitale Inhalte verkaufen oder mit Werbung für Nutzer kostenlos anzeigen will. Höchste Zeit, dieses Freund-Feind-Verhältnis zu den Plattformen mit Sitz in den USA neu zu regeln.

Abseits der alten weißen Männer und ihren Verlagsproblemen ist eine neuartige, großartige Diskussion in Gang gekommen. Comedy-Stars diskutieren über schöpferische Fallhöhe, darüber, wie lang ein Zitat sein darf, wo die Grenzen von Ironie sind. Das Internet wird erwachsen und aktualisiert altes Wissen für eine neue Generation. Vieles davon ist unreif, unvollständig und manchmal unmöglich. Alles davon aktualisiert altes Wissen für die Generation Smartphone.

Solange Politikerinnen und Politiker nicht zuhören, werden uns auf den Straßen ab jetzt immer mehr Jugendliche begegnen, die für Klimaschutz und Internetfreiheit demonstrieren. Es ist eine wache Jugend mit einer hohen Sensibilität für Manipulationsversuche. Eine witzige, kluge und engagierte Jugend. Nutzen wir die Chance, unseren Debatten- und Politikstil zu erneuern.

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